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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 611

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Modernes Judentum
Date
1921-01-01
Page
611 (sequence 11)
Language
German
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Modernes Judentum 6ll ersichtlich gesteigert und beschleunigt. Die Absperrung von den Bildungsanstalten und der dadurch bewirkte Mangel an mehr oder weniger geregelter Geistestätigkeit rächte sich hier auf fatale Weise und zeitigte die übelsten Folgen. Die junge Generation wuchs in einer geradezu hysterischen Umgebung heran, in einer Umgebung, die von kleinlich-gehässigem Parteihader, demagogischen Phrasen, phantastischen Plänen und großmäuligen Proklamationen ganz angefüllt war. Jeder Tag brachte eine nagelneue gesellschaftliche Gruppierung, entstanden nicht aus realen Bedürfnissen dieser oder jener Bevölkerungschichten, sondern einfach aus dem kombinatiönslustigen Gehirn irgend eines demagogischen Patrons* Die heranwachsende Generation verwilderte immer mehr und verfiel mehr und mehr dem Einfluß unglückseliger „Führer", die selber von jedem Schlagwort genasführt wurden und ihre ganze Weisheit aus der parteipolitischen Hintertreppeniiteratur schöpften. Die Verwilderung gestaltete sich um so fataler, als man bei diesem ganzen geistigen Chaos noch genügend zivilisiert war: man konnte lesen und schreiben, und man las in der Tat allerhand Parteibroschüren, „revolutionäre" Flugblätter und Proklamationen. Der russische Bauer war weit besser daran, er konnte wenigstens nicht lesen und schreiben und blieb eo ipso von dem ganzen geisttötenden Zeug verschont. Man wird daher mit Leichtigkeit begreifen, was für einen günstigen Boden für allerhand gesellschaftliches Unkraut das russische Judentum während dieser ganzen Zeit abgeben mußte. Der Krieg ist bereits erwähnt worden und es erübrigt sich wohl, dessen üble Folgen noch besonders hervorzuheben. Doch würde man kaum eine genügend klare Vorstellung von den unheilvollen Wirkungen des Kriegs auf das russische Judentum gewinnen können, wenn man sich nicht das Bild der Evakuierung der jüdischen Bevölkerung in der Ansiedlungszone durch die zarischen Behörden vergegenwärtigt: eine ganze Bevölkerung wird förmlich aus den Angeln gehoben, vom Heimatsboden weggefegt, in fremde Gegenden versetzt und nach den verschiedensten Richtungen zerstreut. Mit dieser plötzlichen und gewaltsamen Losreißung von der gewohnten Umgebung und der jäh eingetretenen erzwungenen Änderung der ganzen bisherigen Lebensgestaitung mußte auch die Psyche des einfachen Mannes aus dem Volke eine heftige Erschütterung erleiden.,. Kaum hatte er aber Zeit Atem zu holen, als die große russische Revolution mit ihrer Begleiterscheinung, den Pogromen, ausbrach. Russische Revolutionen und Reformen haben eine Tradition: Judenpogrome. Nach den Reformen des Zaren Alexander II. die Pogrome von 1881, nach dem Revolutionsjahr 1905 die von 1906, nach der Revolution von 1917 die von 1918—19; je durchgreifender die Umwälzung, desto blutiger die Pogrome. Wenn die Reformen des Zaren Alexander II. den.Auftakt zur Revolution von 1905 und - diese letztere den zur Revolution von 1917 bildeten, so bildeten entsprechenderweise die Pogrome von 1881 den Auftakt zu denen von 1906 und diese letzteren den Auftakt zu denen von 1918—1919.

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