Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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6io R a f a e 1 S e 1 i gm a n n : und hebräischen Literatur verstand, das Menschliche an dem. Kulturleben des Judentums herauszukristallisieren und in markanten lebensvollen Gestalten zu verkörpern. Perez gehörte zum Typus des denkenden Künstlers, des Menschen mit den großen Perspektiven, der die Dinge von hoher Warte übersieht. In der jiddischen Literatur war er der einzige denkende Künstler, der einzige Mensch, der fähig war, die Brücke vom Alten zum Neuen zu schlagen. Er war eine Verheißung und eine Gewähr für die kulturelle Zukunft des Jiddisch. Sie alle drei meisterten das Hebräische mit der gleichen Virtuosität wie das Jiddisch. Vornehmlich gilt dies für Meridele und Perez und ganz besonders für den ersten. Unter Mendeles Händen gestaltete sich das Hebräische zu einer jugendfrischen Sprache voll unverwüstlichen Lebens und erstaunlicher Plastizität. In der hebräischen Literatur kann ihm in dieser Hinsicht nur der so jung verstorbene und so erstaunlich begabte Gnessin an die Seite gestellt werden. Wenn die Dinge einen normalen Verlaut genommen hätten, so hätte sich das Jiddisch zu einer Nebensprache des Hebräischen herausgebildet. Es hätte sich neben dem Hebräischen zu einem Kulturorgan des jüdischen Volkes gestaltet. Weit entfernt davon einander zu schaden, hätten diese beiden Sprachen einander befruchtet. Wie schwerwiegend die Bedeutung des Hebräischen für das Jiddisch ist, kann nur derjenige richtig einschätzen, der es einmal versucht hat, eine Abhandlung im Jiddischen über ein mehr oder weniger abstraktes Thema zu schreiben oder irgend eine Abhandlung der gleichen Art aus einer fremden Sprache ins Jiddische zu übertragen. Das ganze geistige Besitztum des Jiddisch stammt ja aus dem Hebräischen. Durch die Berührung mit dem Hebräischen wäre dem Jiddisch fortwährend das Rückgrat gestärkt worden. Aber auch das Hebräische hätte aus dieser Nachbarschaft viel an Lebendigkeit und Frische gewonnen. Es hätte vom Jiddischen Beweglichkeit und Geschmeidigkeit gelernt. Diese günstige Beeinflussung kann man ja am besten am Hebräisch Mendeles beobachten. Nur die meisterhafte Handhabung des Jiddisch vermochte es hier, ein derartig lebendiges Hebräisch zu zeitigen. Wir beobachten es übrigens auch am erwähnten Gnessin, der nach seinen Briefen zur urteilen ein schönes Jiddisch schrieb. Allein die Dinge nahmen einen nichts weniger als normalen Verlauf. Seit den Revolutionsjahren 1905—1906 begann mit der zaristischen Reaktion die politisch-gesellschaftliche Atmosphäre in Rußland von einer unerträglichen Schwüle zu werden. Auf dem ganzen Lande lastete eine deprimierende Schwere; unendlich deprimierender noch wurde diese Schwere in der zur traurigen Berühmtheit gelangten „Ansiedlungszone" in jenen Gegenden des westlichen und südlichen Rußlands, wo Juden leben und wohnen durften. Jeder in den übrigen Teilen des Reiches ausgeübte behördliche Druck konnte hier wie durch den Mechanismus einer hydraulischen Presse beliebig vervielfacht werden.. Das gesellschaftliche Leben nahm hier einen entschieden abnormen Verlauf wie die. Blutzirkulation bei einem schwer erkrankten tierischen Organismus; bald stockte es ersichtlich, bald wurde es