Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Modernes Judentum 609 praktischen Bedürfnissen heraus entstanden. Seit Jahrhunderten bildete das Jiddisch die Sprache der jüdischen Massen im Leben des Alltags, im Hause, auf der Straße, auf dem Markt und es ist ohne weiteres begreiflich, daß in demokratischen Epochen, wo die Massen sich immer mehr geltend machen und in den Vordergrund des Interesses treten, auch deren Sprache sich mehr und mehr durchsetzen mußte. Übrigens war das Jiddisch während der ganzen Zeit seines Bestehens keineswegs auf den bloßen Umgang in der Lebenspraxis des Alltags beschränkt, sondern bildete seit jeher eine — allerdings untergeordnete — Begleiterscheinung des Hebräischen, welches letztere allen theoretischen und spekulativen Interessen des Volkes diente. Seit frühen Zeiten bestanden jiddische Uebersetzungen der Bibel für Frauen und sonstige des Hebräischen unkundige Volkselemente; es gab auch seit früher Zeit eine speziell für Frauen bestimmte religiöse Literatur in der Form von allerhand Gebeten und Erbauungsschriften. Die mündliche Interpretierung der Heiligen Schrift wie der gesamten religiösen und profanen hebräischen Literatur geschah durchweg in jiddischer Sprache. Auf jiddisch lernte der Junge im „Cheder" und der Jüngling in der „Jeschiwa", auf jiddisch wurden die gelehrten Kontroversen zwischen den Talmudbeflissenen geführt, soweit sie sich in mündlicher Form abwickelten; auf jiddisch predigten die herumfahrenden Erbauungsredner, bekannt im Volke unter dem Namen der „Maggidim"; auf jiddisch wurde an den Hochzeiten, in den Werkstätten und in den Häusern gesungen. Man wird begreifen, daß eine Sprache, die mit dem Denken und Fühlen breiter Bevölkerungsschichten sich dermaßen verwob und während langer Zeit fortwährend von kulturellen Einflüssen imprägniert wurde, sich nicht ohne weiteres ignorieren ließ und ihr Recht einmal gebieterisch fordern mußte. Und in der Tat sahen sich selbst während der Epoche der sogenannten Aufklärung (Haskala) nicht wenige hebräische Schriftsteller veranlaßt, hin und wieder jiddisch zu schreiben. Aber die Zeit für das Jiddisch brach, wie erwähnt, erst mit dem Augenblick an, wo die Massen im gesellschaftlichen Leben eine dominierende Rolle zu spielen begannen. In Rußland begann sie mit dem Einzug des Kapitalismus. Dann wurde die Frage akut, und das bisher vernachlässigte, aschenbrödelhaft behandelte Jiddisch begann mit einem Male sich die Herrschaft anzumaßen. Doch hätte es bei alledem kaum irgendwelche kulturelle Bedeutung erlangen können, wenn ihm nicht drei bedeutende Künstlernaturen in der Person von Mendele, Schalom- Aleichem und Perez erwachsen wären. Diese gaben den Ausschlag. Von nun an glaubte sich das Jiddisch stark genug, um auch in kultureller Beziehung sich getrost behaupten zu können. Mendele, Schalom-Aleichem und Perez — das waren seine Wechsel auf die* Zukunft Ihrer geistigen Physiognomie nach waren diese Künstler, besonders Mendele und Perez, vollblütige Vertreter einer spezifisch jüdischen Kultur mit allen ihren Vorzügen und" Schwächen. In ihrem künstlerischen Schaffen führten sie den Faden dieser Kultur weiter und suchten ihn in den neuzeitlichen Geweben zu verarbeiten. Besonders gilt dies von Perez, der wie kein anderer in der gesamten jiddischen