Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101186-3107356--5493-3107399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6o8 Rafael Seligmann: Jiddischismus mit dem antiken Samariter- und dem mittelalterlichen Karäertum wesensverwandt und geht einem ähnlichen Schicksal entgegen. Es wäre ein schwerer Irrtum, ihn mit der Aufklärungsbewegung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, der sogenannten Haskala in eine Parallele setzen zu wollen. Auch die Männer der Haskala verwarfen vieles am kulturellen Erbe des Judentums, aber sie gingen dabei von einer ganz bestimmten Idee aus und nahmen sich eine bestimmte Lebensauffassung zur Richtschnur. Geleitet von dieser Lebensauffassung verwarfen die Männer der Haskala mit voller Ueberlegung die talmudisch-rabbinische Scholastik samt der kabbalistisch-chassidischeti Schwärmerei und knüpften gleichzeitig mit der gleichen Ueberlegung an den rationalistischen Gehalt des Judentums an, also an die Bibel, die^ Mischna, an Maimonides, an die philosophische und dichterische Literatur des jüdischen Mittelalters usw. Von den Männern der Haskala kann man in der Tat sagen, daß sie das übernommene Judentum in einem gewissen Sinn überwunden haben, da sie es wirklich besessen hatten. Ein anderes ist es natürlich, inwiefern sie auf dem richtigen Wege waren und von einem richtigen Instinkt geleitet wurden. Aber sie bildeten in der Tat einen kulturellen Wendepunkt auf dem Entwicklungswege des Judentums. Der moderne Jiddischismus kann als solcher keineswegs bezeichnet werden, denn er hat keine bestimmte positive Idee, keine bestimmte positive Auffassung, keinen bestimmten positiven Gesichtspunkt — kurzum nichts von dem, was richtunggebend und zwecksetzend ist Der Jiddischismus liebt es, sich als Ueberwinder alter und Bahnbrecher neuer Werte aufzuspielen; aber das ist lediglich ein reklamehaftes Aushängeschild, hinter dem kein Inhalt steckt, eine Attrappe und nichts weiter, denn er hat nicht was zu überwinden und worauf zu verzichten, da er nichts besitzt und jemals besessen hat, und aus eben diesem Grunde kann er nicht in irgendwelchem Sinn bahnbrechend sein. Er ist ein Kulturnihilismus auf nationaler Grundlage, wie der Bolschewismus ein solcher auf sozialer Grundlage ist, erwachsen auf dem Boden von Unwissenheit und Gemütsverwilderung. Der Name Jiddischismus stammt von Jiddisch. Dadurch wurde ursprünglich eine Bewegung bezeichnet, die die Umgangssprache des Jiddisch als Nationalsprache des jüdischen Volkes betrachtete und in den Mittelpunkt des Interesses rückte. Natürlich handelte es sich dabei mehr als um eine bloße Sprachenfrage, denn die Proklamierung des Jiddisch als der Nationalsprache des jüdischen Volkes barg schwerwiegende Konsequenzen in sich und bedeutete im Grund ihres Wesens eine total veränderte Stellungnahme zur jüdischen Geschichte wie zur jüdischen Kultur und eine total veränderte Auffassung vom Wesen des jüdischen Volkes. Allein alle diese Probleme begannen erst in der Folge an den Tag zu treten, in dem Maße als das Jiddisch im Leben der russischen Judenheit mehr und mehr an Boden und Bedeutung gewann und alle Anstalten machte, von einer Umgangssprache des einfachen Volkes sich in eine Literatursprache zu verwandeln. Ursprünglich ist diese Bewegung natürlicherweise nicht aus theoretischen Erwägungen, sondern aus rein