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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 607

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Modernes Judentum
Date
1921-01-01
Page
607 (sequence 7)
Language
German
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Modernes Judentum 607 - unendlich günstiger als dem biblischen und .talmudisch-pharisäischen Judentum. Und doch verarmten sie geistig immer mehr. Woran lag es? Unseres Ermessen lag es daran, daß die in Frage stehenden Zweige im Augenblick ihrer Ablösung infolge gewisser, vorderhand noch unaufgeklärter Ursachen bereits in einem Prozeß kultureller Entartung begriffen waren, welche Entartung ihren Ausdruck in einer feindseligen Stimmung gegenüber jeder Geistigkeit und Verinnerlichung fand, und naturgemäß mußte sich dieser Haß zunächst gegen die ihnen am meisten bekannte Form, namentlich gegen die spezifische Form der jüdischen Geistigkeit ihrer Zeit wenden. Samariter und Karäer rekrutierten sich unserem Dafürhalten nach aus jenen zurückgebliebenen Volkselementen, die aus Verstimmung gegen die selbstbewußten und vielleicht auch etwas selbstgefälligen Träger der jüdischen Kultur ihrer Zeit und aufgestachelt durch demagogische Hetzereien das Banner des Aufstandes gegen das Denken und Forschen erhoben. Derartiger Elemente gibt es übergenug innerhalb jedes Volkes und zu jeder Zeit, aber solange sie nicht aus dem Volksganzen ausscheiden und sich nicht als eine besondere Gruppe konstituieren, entziehen sie sich dem Auge des Beobachters und werden zum Ganzen gerechnet. Außerdem versperren sie sich nicht den Weg zu einer kulturellen Beinflussung seitens ihrer nächsten Umgebung^ von der sie nach und nach absorbiert und für die Interessen der geistigen Kultur unschädlich gemacht werden. Sobald aber derartige Elemente sich als selbständige Gruppe konstistuieren und gegen ihre nahe und ferne Umgebung durch eigene Sprache, eigenen Habitus, eigene Bräuche und Gewohnheiten absperren, begeben sie sich auf den Weg zu ihrem geistig-kulturellen Untergang. Darin liegt der wesentliche Unterschied zwischen einem kulturell degenerierenden und einem kulturell noch ganz unberührten Volkstypus- Der letztere steht der geistigen Kultur unbefangen gegenüber, ohne Haß und ohne Liebe, und kann sich daher unter Umständen zu einer hohen Geistigkeit entwickeln. Der erstere hingegen ist für jede Geistigkeit für immer verloren, es sei denn, daß er, jede separatistische Absicht aufgebend, sich einem fremden Kulturorganismus restlos anschließt und darin bis zur völligen Unkenntlichkeit untergeht. Samariter und Karäer gehörten unserem Dafürhalten nach dem separatistisch-degenerierenden Volkstypus an; Die Karäer knüpften bekanntlich an den Wortlaut der Bibel an, aber wohlgemerkt an den Wortlaut, will sagen ganz äußerlich, an die starre Gesetzesformel, ohne in deren Geist eindringen zu wollen, ungefähr wie die „gesetzestreuen" Juden des Abendlandes am Judentum festhalten, oder wie der „moderne" Jiddischismus an das Jiddisch anknüpft, ohne dessen kulturellen Gehalt zu verstehen und zu empfinden. Und bekanntlich wurde die Bibel unter den Händen der Karäer unfruchtbar, ungefähr wie das Judentum bei den »gesetzestreuen" Juden des Abendlandes oder das „Jiddisch" in den Händen des „modernen" Jiddischismus, das in der letzten Zeit mehr und mehr ausartet und auf dem besten Wege ist sich tatsächlich in einen kauderwelschenden „Jargon" zu verwandeln. Unseres Erachtens ist dieser „moderne"

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