Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6o6 Rafael Seligmann: Psyche eines Volkes von Grund aus erschüttern mußte. Und das russische Judentum hielt nicht stand. Es verlor sein geistiges Gleichgewicht und wurde an sich selber irre. Es verlor das Gefühl für seine geistige Kontinuität, den Kontakt mit seiner kulturellen Vergangenheit, ohne die es für ein Volk ebensowenig eine .kulturelle Zukunft geben kann, wie für das einzelne Individuum die Möglichkeit einer Weiterentwicklung ohne Gedächtnis und Erfahrung, will sagen ohne den Schatz von Erinnerungen und bereits erworbenen Kenntnissen. Dies fand seinen Ausdruck nicht etwa in Assimiliefungstendenzen,' die in kompakten, beieinander wohnenden Massen sich nicht gut entwickeln konnten, sondern in einer demagogisch-pöbelhaften Begeiferung der jüdischen Kultur. Es entstand die Ideologie des Jiddischismus, die an die Umgangssprache des Jiddisch nur ganz äußerlich anknüpfte und im Grunde ihres Wesens eine kulturfeindliche Strömung bedeutete. Kulturelle Katastrophen von dieser Art, wenn auch nicht von dieser Tragweite hat das Judentum im Verlauf seiner langen Geschichte zu verschieden Malen erlebt. Man denke zunächst an die biblischen zehn Stämme, die vom Organismus des Volkes gewaltsam losgerissen wurden, und für Geschichte und Kultur des Judentums verloren gegangen sind. Man denke besonders an die Samariter, die der geschichtlichen Forschung zufolge aus den mit Heiden assimilierten Ueberresten dieser zehn Stämme bestanden haben sollen und den blutverwandten jüdischen Stamm samt dessen Kultur auf das gehässigste bekämpften. Man denke des weiteren an die Karäer im achten nachchristlichen Jahrhundert, die aus eigenem Antrieb sich vom jüdischen Stamme absplitterten. Es ist sehr bezeichnend, daß die abgefallenen Zweige in geistig-kultureller Hinsicht keine sonderliche Lebensfähigkeit an den Tag legten. Von den zehn Stämmen wissen wir freilich so gut wie nichts. Sie sind in anderen Völkern aufgegangen und "figurieren seitdem vielleicht unter anderen Namen. . Aber von den Samaritern und mehr noch von den Karäern wissen wir schon etwas mit einiger Bestimmtheit und zwar soviel, daß sie sich unfähig erwiesen, eine nennenswerte kulturelle Tätigkeit auf irgend einem Gebiet zu entfalten, als ob sie mit geistiger Sterilität geschlagen worden wären. Nur das biblische Judentum einerseits und das talmudisch-pharisäische anderseits vermochten es, ihre Umgebung wesentlich zu beeinflussen und darin eine eminente Rolle zu spielen. Wo liegt die Ursache dieser Erscheinung? Nichts Leichteres, als mit der anscheinend so selbstverständlichen Antwort herauszurücken und zu sagen, daß die abgefallenen Zweige schon deshalb verdorren mußten, weil sie sich von dem fruchttragenden Stammbaum losgelöst hatten. Das wäre aber eher eine dichterisch anmutende Metapher denn eine überzeugende Lösung der Frage. Jeder Volkszweig, und wäre er noch so klein und unscheinbar, besitzt sein eigenes Leben und ist der Weiterentwicklung fähig, wenn äußere Umstände ihn daran nicht hindern. Für Samariter und Karäer bestanden derartige Umstände night; das äußere Schicksal erwies sich ihnen gegenüber