Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Modernes Judentum 605 geschiedenheit des Ghettolebens zu der modernen Kultur an sich eine abnorme Erscheinung. Allein einmal zu Tage getreten begann er von nun an sich in normaler Weise laut den immanenten Gesetzen seiner Natur abzuwickeln, ohne dabei durch besonders gefährliche Komplikationen noch besonders alteriert und verzerrt zu werden. Anders hingegen in den osteuropäischen Ländern, namentlich in Rußland. Hier fiel der Uebergang breiterer Bevölkerungsschichten zu der sogenannten modernen Kultur mit äußerst unglückseligen politischen Momenten zusammen, die den an sich abnormen Prozeß einer verhältnismäßig plötzlichen Modernisierung ins Ungeheuerliche verzerren mußten. Zuerst der Druck der zarischen Gesetzgebung und die despotische Willkür der zarischen Maßnahmen gegenüber den Juden, die notwendigerweise auf das Selbstgefühl deprimierend wirkten und jeden inneren Widerstand auf die Dauer zermürbten. Die Wirkung dieses äußeren Druckes war um so verheerender, als er so ' ganz und gar in den Rahmen einer modernen Zeit mit ihrem nach außen gerichteten Selbstbewußtsein nicht hineinpassen wollte. Die Zeiten waren vorüber, wo der Jude hinter den Folianten seiner heiligen Schriften allen Stürmen von außen in naiver Selbstherrlichkeit trotzen, und Verfolgungen aller Art als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen konnte. Mit dem Schwinden der naiven Religiosität und der Einbuße des inneren Rückhaltes mußte nunmehr die äußerliche Entrechtung vom Juden als eine furchtbare Demütigung gefühlt und gewertet werden. Der Druck der zarischen Gesetzgebung mußte infolgedessen auf die Dauer das Selbstbewußtsein des zur modernen Kultur übergehenden Ghetto-Juden in beträchtlichem Grade lockern. Und dann die revolutionäre Gärung im ganzen Lande. Revolutionen sind niemals gute Erziehungsmittel gewesen. Am wenigsten konnten sie es in einem Lande sein, dessen kultureller Gehalt sich sozusagen in einem flüssigen Zustande befand und noch nicht die Zeit hatte, zu festen Kulturinstitutionen zu gerinnen. Die Revolution in Rußland * nahm infolgedessen einen höchst seltsamen, von den Revolutionen in allen . anderen westeuropäischen Ländern merklich abweichenden Charakter an. In allen anderen westeuropäischen Gemeinschaften wurden Revolutionen allgemein als Mittel zum Zweck betrachtet und gewertet. In Rußland wurde die Revolution gewissermaßen zum Selbstzweck. Es entwickelte sich hier eine besondere revolutionäre Ideologie, eine besondere revolutionäre Denk- und Fühlweise, für die schon das Revolutionieren an sich einen selbständigen Wert besaß, die das Revolutionieren an sich zu einer hohen Tugend stempelte. Für die Massen im allgemeinen bedeutete es eine nihilistische Anarchisierung der Instinkte, ganz besonders aber für die jüdischen Massen in Rußland, die einerseits die ganze Beweg- und Empfänglichkeit ihres Geistes bewahrten und anderseits unter den zaristischen Ausnahmegesetzen keine solide Basis für dessen Ausbildung schaffen konnten. Dann kam der Weltkrieg mit all seinen demoralisierenden Wirkungen und darauf der kulturnihilistische Bolschewismus, der den Gnadenstoß versetzte. Man wird mit Leichtigkeit begreifen, daß ein Zusammenwirken von derart zerstörenden Faktoren die