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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 604

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Modernes Judentum
Date
1921-01-01
Page
604 (sequence 4)
Language
German
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604 Rafael Seligmann: schlossenes Dasein führten und sich in den Gedanken ihrer nationalen Auserwähltheit dermaßen verbohrten, daß er fast zu einem unveräußerlichen Bestandteil ihres Bewußtseins geworden ist. So tief verwurzelte 'Empfindungen lassen sich wohl wörtlich verleugnen, aber nie seelisch ganz ausrotten. Für gewöhnlich schlagen sie gemäß der total veränderten Situation in ihr genau entsprechendes Gegenstück um, und zwar mit derselben Vehemenz, mit der sie ursprünglich empfunden wurden. Der Drang zur Assimilation bei dem abendländischen Judentum stellte eben den Gegensatz zum Gedanken der nationalen Auserwähltheit dar. Der Gedanke der nationalen Auserwähltheit verwandelte sich in den der nationalen Verworfenheit. Letzterer wurde ebenso aggressiv und aufdringlich wie ursprünglich der erstere. Was das orthodoxe Judentun} des Abendlandes betrifft, so blieb es ein Mißverständnis,. wenn nicht eine direkte Irreführung: Ein Judentum ohne Nationalität kann eben nicht orthodox sein. In total anderen Formen drückte sich dieser Zerfallsprozeß in den östlichen Ländern und ganz besonders in Rußland aus. Zu einer direkten Assimilation in der obenerwähnten Form konnte es dort nicht kommen. Das Judentum hat dort gewisse objektive Formen angenommen, die seinen Bestand auch nach seinem inneren Zerfall auf lange Zeit hinaus sichern konnten. Seit vielen Geschlechtern wohnten dort die Juden in dichten Massen beisammen und hatten es auf diese Weise fertig gebracht, mehr oder weniger stabile nationale Ausdrucksformen hervorzubringen, die dem wankenden nationalen Bewußtsein einen Halt boten, ja die das Weiterbestehen des Judentums als besonderer nationaler Gruppe von diesem Bewußtsein anscheinend ganz unabhängig machten. Sie besaßen eine eigene Umgangssprache, eine eigene profane Literatur, eigene nationale Institutionen und gewissermaßen auch eine eigene nationale Wirtschaft. Allerdings dunsteten gewisse dünne Schichten aucli des östlichen Judentums an den Rändern der jüdischen Siedlungen aus, dort wo eine spärlich gesäte jüdische Bevölkerungsschicht sich mit einer nach Sprache, Sitte und Charakter fremden Bevölkerung berührte. Aber der Kern des östlichen Judentums blieb von alledem nur wenig getroffen. Obgleich auch dort infolge einer sich langsam Bahn brechenden Emanzipation das nationale Bewußtsein zu lockern begann, tat doch dieser Umstand dem östlichen Judentum keinen merklichen Abbruch, denn es blieb das nationale Sein, und dieses schien für eine gewisse Zeit zu genügen. Allein der jähe Uebergang von einer überwiegend religiösen, jahrhundertelang in den Treibhäusern des Ghetto gezüchteten Kultur zu einer solchen ausschließlich profaner Prägung rächte sich auch dort gewaltig und zeitigte nicht minder widerliche Entartungserscheinungen, als beim abendländischen Judentum. Der Degenerationsprozeß erfuhr gerade in diesen Ländern eine außerordentliche Verschärfung und nahm ungeheuerliche Formen an durch das Zusammenwirken von fatalen geschichtlichen Umständen. Auch krankhafte Prozesse haben ihren relativ normalen oder abnormen Verlauf. In den westeuropäischen Ländern bildete der jähe Uebergang von der Ab-

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