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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 603

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Modernes Judentum
Date
1921-01-01
Page
603 (sequence 3)
Language
German
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7 «Modernes Judentum 603 kein Auge für all jene geschichtlichen Vorgänge, die sich hinter seinem Rücken abspielten und die Emanzipation vorbereiteten. Plötzlich wie der Ruf kam auch das Erwachen. Die jüdischen Massen, die bis auf den letzten Äugenblick so sicher und selbstbewußt einherschritten, gerieten mit einem Male ins Wanken/ Indessen hat auch das Wanken seine Grade. Das Schwinden der starken religiösen Hypnose konnte natürlich nicht auf einmal vor sich gehen. Für den Juden des Abendlandes wurde der Prozeß dieses Schwindens in der ersten Phase gefördert durch die Beteiligung am nationalen Leben der, umgebenden Völker. In dem Maße, als das Judentum für ihn aufhörte eine nationale Angelegenheit zu werden,- mußte sich für ihn auch dessen religiöse Substanz verflüchtigen. Erst hinterher wurde auch er natürlich von der allgemeinen Irreligiosität ergriffen. Der Organismus des Judentums bietet seitdem ein Bild des äußeren und inneren Zerfalls, der wie alle Zerfallsprozesse von widerlichen und deprimierenden Erscheinungen begleitet wird. In der geistigen Atmosphäre der gesamten europäischen Welt, sowohl in deren westlichen wie in den östlichen Teilen begannen sich Miasmen zu entwickeln. Der Antisemitismus in seiner Ignoranz und Torheit schrieb diese Erscheinungen dem Wesen des Judentums zu, während sie in Wahrheit dem Verwesen des Judentums zuzuschreiben sind. Die Zerfallsprodukte des Judentums variierten ihrer Form nach gemäß den zwei großen Siedlungsphären der Judenheit: sie äußerten sich in verschiedenen Gestalten im westlichen und östlichen Europa. Im Abendlande äußerten sich die Zerfallsprodukte in einer besonderen Form der Assimilation. Die Assimilatiqn an sich ist bei der Art der jüdischen Kultur eine menschlich begreiflicfie Erscheinung. Eine auf gewisse Dogmen eingestellte Kultur, wie sie bereits bei den alten Israeliten üblich war, mußte gerade die geweckten und freieren Intelligenzen in die Arme fremder, vorurteilsloser Kulturen treiben. Soviel wir nach den parteiisch gefärbten Berichten des Alten Testamentes urteilen können, gehörten die Anhänger der Baalim-Kulte nicht gerade zu den dümmsten Elementen des Volkes. Von den Hellenisten in der Periode des dritten und den Sadduzäern in der des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts wissen wir mit Bestimmtheit, daß sie zu den aufgeklärtesten und intelligentesten Schichten des Volkes gehörten. Allein alle diese Ueberläufer von den Anhängern der Baalim-Kulte bis herab zu den Sadduzäern dachten nicht im geringsten daran sich ihrer Nationalität zu entäußern. Ihre Absicht war, den Inhalt der fremden Kulturen in die jüdischnationalen Formen zu gießen. Darin witterten eben eine Gefahr alle Eiferer des national-religiösen Gedankens von den Propheten bis zu den Pharisäern. Aber die Assimilation, die nach der Epoche der Emanzipation bei den abendländischen Juden eingerissen hat, trug einen wesentlich anderen Charakter. Denn es darf dabei nicht außer Acht gelassen werden, daß seit jenen Zeiten, von denen wir vorhin sprachen, bis zur Epoche der Emanzipation lange Reihen von Generationen vergingen, in denen die Juden ein fast hermetisch abge- 39*

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