Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Modernes Judentum
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Rafael Seligmann: auserlesenen Geister eine gewisse nationale Färbung oder konzentrieren sich die etwaigen geistig produktiven Kräfte der Massen auf dem Wege einer jahrhundertelangen Vererbungsauslese in dieser oder jener hervorragenden Einzelperson, die aus ihrem Inneren heraus eine bestimmte individuelle Schöpfung erzeugt. Der letztere Fall ist außerdem sehr fraglich und hypothetisch; es ist fraglich und hypothetisch, ob eine derartige Konzentrierung in der Tat stattfindet oder je stattgefunden hat In den meisten Fällen bringt die Masse des Volkes diesen Erzeugnissen nicht das geringste Interesse entgegen. Ganzanders lagen die Dinge innerhalb der Judenheit vor der Epoche der Emanzipation. Jedermann aus dem Volke fühlte sich solidarisch mit den Erzeugnissen des religiös-kulturellen Gedankens, er fühlte sich verpflichtet sie nach Maßgabe seiner individuellen Begabung zu kennen und machte alle Anstrengungen dazu. Und insofern kann man sagen, daß das Volk als Ganzes in einem gewissen Maße in der Tat Mitwisser und Mitschöpfer an den Produktionen der ihm zugeschriebenen geistigen Kultur, war, daß das Volk als solches ihnen nicht nur in passiver Weise eine bestimmte Färbung verlieh, sondern daß es auch ihren Inhalt in einem gewissen Maße aus. seinem Inneren in aktiver Weise hervorbrachte. Darin lag die Macht und zu gleicher Zeit die Ohnmacht der" jüdischen Nationalität. Die Macht, weil kein Volk der Erde in diesem Maße ein Bewußtsein seiner Nationalität besaß wie das jüdische vor der Emanzipation; die Ohnmacht, weil die ganze Nationalität letzten Endes in gewissen psychischen Zusmmenhängen ankerte, und psychische Zusammenhänge bekanntlich von äußerst labiler Beschaffenheit sind undallerhand Schwankungen unterliegen. Ein aufrichtiges und aktives Interesse seitens der Massen an geistigen Schöpfungen ist jedoch nur unter der Bedingung möglich, daß eine Beteiligung an diesen Schöpfungen ihnen auf irgendwelchem Wege einen unmittelbaren Vorteil persönlicher Natur, sei es hienieden, sei es im Jenseits gewährleistet. In unserem Falle geschah diese Gewährleistung durch den religiösen Glauben, der dem Manne aus dem Volke für die Beschäftigung mit der Lehre und die pünktliche Befolgung der Gebote ein zukünftiges Leben voller Seligkeit sicherte. Allein der religiöse Glaube der Massen ist eine Hypnose, die wie jede Hypnose zu ihrer Aufrechterhaltung entweder eine dafür geeignete Atmosphäre oder eine isolierte Lage erfordert. Der Zauber weicht, sobald der unter der Suggestion stehende durch irgendeinen äußeren, auf ihn einwirkenden Reiz aus seinem Traum aufgescheucht wird. Im Verlaufe des Mittelalters war für die Juden die geeignete Atmosphäre gegeben. Die Religion spielte ja auch im gesellschaftlichen Leben der umgebenden Völker eine hervorragende Rolle. Die Juden lebten in einer teils aufgezwungenen, teils selbstgeschaffenen Isolierung. Sie gingen nachtwandlerisch durch die Geschichte der Völker, ohne der Umwelt irgendwelche Beachtung zu schenken. Die französische Emanzipation war der erste Zuruf aus der Außenwelt, der sie aus ihrem Traume aufscheuchte. Der Ruf kam plötzlich und unerwartet für das jüdische Volk. Es saß die ganze Zeit hindurch gebeugt über den Folianten seiner vielen Talmudkommentare und Talmudkompendien und hatte