Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Palästinas Eintritt in die moderne Weltwirtschaft
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 598 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59« Arjen Tartakower: Die Tscherkesserikolonisatioh Palästinas, die am allerwenigsten bekannt ist und auch quantitativ die geringste Bedeutung hat, ist teils auf die allgemeine Muhadschirbewegung (Auswanderung der Mohammedaner aus den von den Christen eroberten türkischen Provinzen und ihre Ansiedlung in den türkisch gebliebenen Ländern), teils auf den Willen des Sultans Abdul-Hamid zurückzuführen, das Jordantal, das größtenteils Kronland war, und das Ost-- jordanland wieder zu besiedeln und die nomadisierenden Stämme der Beduinen von dort zurückzudrängen. Die Tscherkessen kamen^aus der Dobrudscha, dem Kaukasus und teilweise auch aus Anatolien und wurden von der türkischen Regierung in den erwähnten Landesteilen angesiedelt. Obwohl kulturell und wirtschaftlich nicht besonders hochstehend, waren sie doch der einheimischen Bevölkerung in beiden Hinsichten weit überlegen. Durch ihre Arbeitswilligkeit und ihr entschlossenes Auftreten gegenüber den Beduinen gelang es ihnen, die von ihnen besiedelten, bisher steppenartigen Gebiete in vollem Ausmaß der Kultur wieder zurückzuerobern und mehrere blühende Dörfer zu schaffen. Sie sind insbesondere durch ihre Zähigkeit und großen Ordnungssinn der Bevölkerung zum Vorbild geworden, aber auch ihre landwirtschaftliche Arbeit bedeutete gegenüber der im höchsten Maße rückständigen arabischen Wirtschaft einen entschiedenen Fortschritt Sie waren allerdings in viel zu geringer Zahl ins Land gekommen, um einen nennenswerten Einfluß ausüben zu können, und es ist auch an eine Weiterentwicklung dieser Kolonisation nicht zu denken. Die Kolonisation der Deutschen bedeutete in gewissem Sinn eine Revolution, im Wirtschaftsleben Palästinas. Zum erstenmal wurde da der Versuch gemacht, die europäische Wirtschaftsweise praktisch nach Palästina zu verpflanzen. Die Templerkolonisation, die unter der Führung von Hoffmann und Hardegg im Jahre 1869 beginnt und es bis auf 7 Kolonien brachte (Haifa, Jaffa, Saronah, Jerusalem [Rephaim], Wilhelma, Bethlehem, Um-el- Achmed), geht allerdings auf das religiöse Bestreben, ein Reich der Gerechtigkeit in Palästina zu gründen, zurück. Sie ist aber nichtsdestoweniger nur ein Glied in der Kette der Bestrebungen der Deutschen, kolonisatorisch nach dem Osten vorzudringen und hierdurch ihre Machtstellung zu erweitern. Viele Jahre vor Beginn der Templerkolonisation begann der 'Gedanke der Kolonisierung Palästinas durch die Deutschen Wurzel zu fassen. So wurde noch 1848 eine rheinische Gesellschaft zur Gründung von Kolonien im Heiligen Lande ins Leben gerufen. Zu wiederholten Malen suchten deutsche Kolonisten sich in Palästina anzusiedeln (1848, 1858, 1865), ohne daß es ihnen glücken wollte. Noch einige Jahre, bevor die Templer ins Land kamen, gab der deutsche Geograph Kuhlmann ein Werk heraus unter dem Titel „Palästina als Ziel und Boden germanischer Auswanderung", wo er die Frage der deutschen Kolonisation im Orient gründlich und verständig erörterte. So wurde denn die beginnende Kolonisation auf das tatkräftigste nicht nur von der deutschen Regierung, sondern auch von weiten -Kreisen in Deutschland unterstützt, die mit den' religiösen Bestrebungen der Templer nichts gemein hatten. Man kann ruhig behaupten, daß die Deutschen, wohin sie