Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Wandlungen im Osten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 587 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wandlungen im Osten 587 Telegraphenlinien in Afghanistan auszubauen. Am 24. November 1921 schloß Großbritannien einen Vertrag mit Afghanistan, worin es die völlige Unabhängigkeit Afghanistans anerkannte und ihm das Recht auf einen Gesandten in London und auf Konsuln in Indien einräumte, Ingenieure aus England, Indien und Japan werden ins Land gerufen, Straßen für Automobile gebaut, elektrische Kraftanlagen und Telephonlinien errichtet. Türkische und japanische Instruktoren suchen unter den kriegerischen Bergstämmen eine moderne Armee zu bilden. Ueber hundert junge Afghanen wurden im letzten Jahre an ausländische Hochschulen von der Regierung studieren gesandt Der Mann, der diese Reformen in Afghanistan nach jungtürkischem Muster durchführt, Mohammed Tarzi, der Ratgeber der jungen Emirs, der, mit allen bisherigen Traditionen brechend, die Gründung von Schulen, Zeitungen und Druckereien mit aller Macht fördert, ist ein überzeugter Panislamist. Von Java bis nach Westafrika sehen alle lebendigen Kräfte dieser zahlreichen Völker den Niedergang der einst großen mohammedanischen Macht -und erkennen, daß nur die Einheit unter diesen Völkern sie instand setzt, den Europäern Widerstand zu leisten. Die interessanten Berichte, die Arthur Moore, der in diesem Jahre Afghanistan besucht, in der Londoner „Times" veröffentlicht, zeugen von der Stärke des islamischen Gefühls und zugleich von dem neuen Geiste des Aufschwungs und der Reformen, von denen Afghanistan beseelt ist. Nicht anders ist die Stimmung in Mesopotamien, dessen fast völlige Unabhängigkeit England unlängst anerkannt hat. In einer Uebersicht. in „Palestine" (Organ of the British Palestine Commitee, Vol. IX. No. 3.) heißt es: „Das Auffallendste für den Leser mesopotamischer Zeitungen ist das Gefühl der unendlichen Befriedigung und des nationalen Stolzes, welche alle Zeitungen ohne Ausnahme über die Wiederherstellung des arabischen Thrones in Bagdad zeigen. Man kann kaum einen Leitartikel finden, der nicht eine pathetische Stelle enthält, die die Größe dieses Ergebnisses feiert und die Aufgabe König Feisals rühmt, den Faden der ruhmreichen Geschichte wieder aufzunehmen, die Jahrhunderte vorher unterbrochen worden war. Beim Lesen dieser prunkvollen Phraseologie muß man unbedingt das Gefühl haben, daß hinter ihr ein festes und ständig wachsendes Gefühl nationalen Bewußtseins ist. Der König selbst mag eine Puppe sein, aber die bloße Idee eines Königreiches als einer moralischen und politischen Errungenschaft der Nation muß eine Quelle lebendiger Kraft für die Masseh werden, die sie zur Einheit und Emanzipation anspornt und deren Kraft kaum übertrieben werden kann." Hand in Hand damit geht das Bestreben nach einer kulturellen Wiedergeburt. Wie in alten Zeiten werden Wettbewerbe arabischer Dichter veranstaltet, eine wissenschaftliche Akademie ist gegründet worden, die Errichtung^ einer Universität wird vorbereitet. Ueber all dem leuchtet der panarabische Traum, das große Reich Mohammeds. Es darf nicht übersehen werden, daß diesen Einheitsbestrebungen und diesem neuen ^Nationalismus noch viele innere und äußere Hindernisse in 38*