Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Wandlungen im Osten
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 586 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Hans Kohn: die Ueberwindung des bisher -ausschließlich herrschenden traditionellen Prinzips, einen unerhörten Bruch aller Tradition und alles Traditionalismus. Noch vor dreißig Jahren konnte Lord Dufferin schreiben: »Der indische Kosmos zerfällt in zwei mächtige politische' Gemeinschaften, die in ihrer Religion, ihren historischen Traditionen, ihrer sozialen Organisation und ihrer natürlichen Fähigkeiten so weit von einander entfernt sind, wie die Pole: einerseits die Hindu mit ihrem polytheistischen Glauben, ihren bilderreichen Tempeln, ihrer Tierverehrung, ihren künstlichen Kastenunterschieden, ihrer Gewohnheit der Unterwerfung unter einander folgende Eroberer, andererseits die Mohammedaner mit ihrem Monotheismus, ihrem bilderstürmendeh Fanatismus, ihren Tieropfern, ihrer sozialen Gleichheit und der Erinnerung an die Tage, wo sie von Delhi aus ganz Indien beherrschten." Die einheitliche Kampffront äußert sich natürlich noch viel stärker unter den islamischen Völkern selbst; der Panislamismus, von Moskau und Angora gefördert, macht große Fortschritte. Die natürliche und rationale Ethik der Lehre Mohammeds eroberte seit Jahren immer neue Anhänger und reicht heute von Westafrika bis nach China. Seit langer Zeit beängstigt dieses Wachstum die christlichen Missionäre. Von dem regen geistigen religiösen Leben des Islams zeugen die neuen Sekten des 19. Jahrhunderts, wie der Bahaismus, der Wahibismus und die Achmadijabewegung, von denen die erstere (sowie auch die dritte) eine die höchsten ethischen Lehren aller Weltanschauungen eklektierende Verfeinerung, die zweite eine rehabitische Rückkehr zum Wüstenrigorismus darstellt. Den einigenden Mittelpunkt der islamischen Welt bilden die „heiligen Stätten", unter denen die palästinensischen einen ersten Rang einnehmen. Dieses Zusammenhangs werden sich auch die palästinensischen Araber immer mehr bewußt Die Zeitung „Philistin" vom 28. April d. J. schlägt vor, Delegationen in alle mohammedanische Länder, insbesondere Indien, Java und Ägypten zu senden und einen engen Kontakt mit all diesen Völkern herzustellen. Am bezeichnendsten aber für diesen neuen Geist ist die Entwicklung in Afghanistan und in Mesopotamien, die vielleicht weniger bekannt ist, als die in Ägypten oder Indien. Afghanistan war noch im Jahre 1916, als ich in der Nähe seiner Grenzen weilte, ein unheimliches und fremden Einflüssen vollständig verschlossenes Gebiet, wo ein absoluter Despotismus sich durch ängstliche Absperrung der Grenzen zu halten suchte, wobei nicht einmal diplomatische Beziehungen zu den umliegenden Staaten bestanden. Niemand durfte das Land betreten oder verlassen, keine Zeitung kam seinen Bewohnern zu Gesicht. Das Land suchte solcherart eifrig seine Unabhängigkeit zwischen Rußland und England zu wahren und allen europäischen Ideen unberührbar zu bleiben. Am 28. Februar 1921 wurde in Kabul ein Vertrag mit der Sowjet-Regierung unterzeichnet, wonach die diplomatischen Beziehungen aufgenommen, ein. russischer Gesandter in Kabul, und russische Konsuln in fünf andern* Städten funktionieren werden, afghanische Vertreterihrerseits inRußland, wobei sich letzteres verpflichtet,