Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 10 · p. 585

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 10
Article
Wandlungen im Osten
Date
1921-01-01
Page
585 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101186-3107354--5466-3107376
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

HANS KOHN / WANDLUNGEN IM OSTEN Der Krieg hat eine Umformung der asiatischen Mentalität bewirkt, die sich in den Jahren vor dem Kriege angebahnt hatte, aber durch ihn eine nicht immer genügend gewürdigte, entscheidende Vertiefung und Verbreitung erfuhr. Die Gründe dafür sind doppelt: einerseits die Politisierung dieser Völker durch die Hereinziehung in den Weltkonflikt als Truppen, Bundesgenossen, oder als bloße Zuseher und Beurteiler der Vorgänge; andererseits die wiederholte Proklamierung des Prinzips der nationalen Unabhängigkeit und des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Das Prinzip, das die europäische Geschichte seit der französischen Revolution beherrscht hat und nun bereits im Absterben ist, das Prinzip des Nationalismus und des Nationalstaates ergreift die asiatischen Völker, zuerst natürlich, wie es auch in Europa war, ihre Intelligenzschicht, aber heute schon auch den Paria und den Fellachen in seinen Bann ziehend; wenn auch dort noch seltsam vermischt mit dem Prinzip, das in Europa vor drei Jahrhunderten noch allmächtig war und in Asien heute noch fortwirkt, dem Prinzip der religiösen Scheidung, und dem neuen Prinzip der sozialen Scheidung, das insbesondre durch den propagatorischen Einfluß Sowjet-Rußlands sich vorerst leise andeutet. Diese Entwicklung wurde auch durch das Vorbild der europäischen Verwaltung befördert, insbesondre der englischen, die oft gegen ihren Willen oder unbewußt Großes in der Erziehung der Völker geleistet hat, wie ein Vergleich zwischen dem unter britischer Verwaltung stehenden und dem von einheimischen Fürsten beherrschten Indien beweist. Die englische Regierung kam diesen Bestrebungen in Indien durch die Erklärung des Staatssekretärs für Indien, vom 20. August 1917, entgegen. Der dem englischen Parlamente vorgelegte „Report on Indian Constitutional Reforms« (1918) sagt: „Der Krieg hat Indien ein neues Gefühl der Selbsteinschätzung gegeben; er hat vielen Tausenden, welche früher* dafür indifferent waren, ein Interesse am öflentlichen Leben eingeflößt. Er ist immer klarer als ein Kampf für das Recht der Kleinnationen betrachtet worden, und für das Recht aller Völker, ihreigenes Schicksal zu bestimmen. Die Revolution in Rußland wurde als ein Triumph über den Despotismus betrachtet und hat einen neuen Anstoß den indischen politischen Bestrebungen verliehen." (Seite 20 f.) Diese Feststellung, gilt nicht nur für Indien, sondern für den ganzen Orient. Die Verständigung in Lucknow im Dezember .1916 zwischen dem Allindischen Kongresse, der die Hindu repräsentierte, und der Mohammedanischen Liga für Indien bedeutete einen Wendepunkt in der Geschichte des Orients. Sie bedeutete Heft 10 38

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.