Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Grundsätzliches zur Siedlungsarbeit
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 580 (sequence 3)
- Language
- German
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58o Umschau: Kolonisation wirtschaftliche, industrielle oder geistige, seinen ■Lebensunterhalt und den der Seinen sichernde Arbeit fiel.* Im selben Maße, wie die eingewanderten Familien in die einzelnen Kolonien abfließen werden, werden die Aufnahmestädte durch, neue Einwanderer gefüllt, bis endlich das jüdische Volk aus der Verbannung in sein Land zurückgekehrt ist. Gibt es beim Aufbau unseres Landes ein „wichtig* und ein „weniger wichtig"? Sicherlich ist jeder Stein kostbar, jeder Punkt notwendig, jedes Eckchen wertvoll *— und doch gibt es beim Aufbau Dinge, welche Zweifel erwecken an dem Grad ihrer Wichtigkeit. Deshalb wollen wir uns fragen, ob man mit ihnen den Anfang machen soll, oder sie noch eine Zeitlang hinausschieben, bis sich die technische Möglichkeit für sie ergibt. Die Verstärkung der kolonisatorischen und nationalen Mittelpunkte dagegen, die bereits im Lande vorhanden sind, ist einer der wichtigsten Teile unserer Arbeit, an den wir von nun an mit jenem Maßstab herantreten müssen, der seiner Bedeutung entspricht, jjj Wir, die wir im Zionismus die letzte Hoffnung unseres Volkes sehen, in Wahrheit von Verbannung, Unglück und Schande erlöst zu werden, und nicht einen Versuch, » ihm eine neue Fata morgana vorzugaukeln, die es verlocken und in einen Abgrund von Verzweiflung stürzen würde, — wir sehen in unseren Zentralpunkten, sowohl in denen, die erst ein Menschenalter in Palästina existieren, als auch in denen, die ein gütiges Schicksal in ferner Vergangenheit erschuf, Lichtquellen für die Herzen der Brüder in der Verbannung, Jerusalem I Trotz der Zerstörung klingt noch dieser Name wie eine Trostweise für unser Volk in der Not seines Alltags. Welche Wirkung wird es erst üben, wenn es wieder aufgebaut ist? Besteht ein Zweifel, ob wir unseren Anteil dort befestigen und verstärken müssen? Alle sind darin einig, daß es unsere Pflicht ist, das Herz des Landes, das Licht der Nation, die Stadt Jerusalem aus einer christlichen, arabischen und internationalen Stadt In einen jüdischen Mittelpunkt, nicht bloß dem Namen, sondern auch der Wahrheit nach zu verwandeln. Jedoch dürfen wir auch nicht die Wirklichkeit vergessen, die nichtjüdische Einwohnerschaft der heiligen Stadt Auch nicht die gewichtigen Bestrebungen der Mationen, ihre religiösen und politischen Vertreter dahin zu entsenden. Auch nicht die frommen Ränke von allerlei Gläubigen und Sektierern, dort ihr Zeit aufzuschlagen, Zufluchtsstätten zu errichten für alle Arten von Askese und von Pfaffentum, edle und scheinheilige. Jerusalem wird ohne Zweifel eine Weltstadt werden, mit großem Zuspruch aus aller Herren Ländern. Wie wird jedoch diese Stadt in die jüdische Hauptstadt umgewandelt? Wir müssen uns darüber klar sein, daß dazu kein anderer Weg führt, als der, mit der gigantischen Arbeit zu beginnen, um die jüdische Bevölkerungszahl Jerusalems auf das Vielfache ihres heutigen Standes zu erhöhen, fcs ist auch selbstverständlich, daß wenn die Vergrößerung unserer Siedlungstätigkeit in Jerusalem in demselben Tempo weiter fortschreitet, immer wieder sich Zweifel an dem jüdischen Charakter der Stadt allerseits regen werden und die Gefahr einer volksarmen Hauptstadt von uns nie welchen wird. Jerusalem muß eine jüdische - Bevölkerung von Hunderttausenden zählen. Nur dann wird diese Stadt wahrhaft .jüdisch sein — nicht nur nach einem historischen Recht aus der Vergangenheit, sondern nach den tatsächlichen Siedlungsverhältnissen. Wir müssen uns die Schaffung einer. Kette von neuen Vierteln um Jerusalem während der nächsten Jahre zum Ziele machen. Das ist eine der .Aufgaben, an deren Evidenz kein Mensch zweifelt und deren Lösbarkeit nichts als unser eigenes Unvermögen im Wege steht Nunmehr sollte der Boden um die Stadt in einem Mäße aufgekauft werden, daß es für Zehntausende von Höfen mit je 1^-10 Dunam ausreiche, es sollte sogleich mit dem Häuserbau und mit der Herrichtung der Höfe zur Bearbeitung begonnen werden. Eine sehr große Fläche ist für die Erweiterung Jerusalems notwendig (von V* bis 1j7 Million Dunam), an deren Ankauf sofort geschritten werden muß, denn jeder Tag, den wir versäumen, ist ein Verlust. Unser zweites Zentrum, das wir gleich vergrößern müssen, ist Untergaliläa mit der Einwanderungsstadt Tiberias. Ein großer Teil des galiläischen Bodens ist in jüdischem Besitz. Tiberias ist die zweite Stadt Palästinas (nach Jerusalem), wo Juden die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Die Seele des neuen Jischub, des Jischub der Arbeiter und Wächter, die ganz dem Volke und dem Lande leben, ist Untergaliläa, Der jüdische Einwanderer in Galiläa fühlt sich wahrhaft im Lande Israel. Stundenlang kann er dort zwischen jüdischen Kolonien wandern, von den Bergspitzen überblickt er einen Teil des Jordanbeckens, das mit jüdischen Siedlungen übersät ist, diesseits von Migdal bis Milchamla, und drüben von Poriah bis Kfar Tabor die verstreuten Stätten, Um Untergaliläa in den ersten jüdischen Distrikt, im staatlich administrativen Sinne, zu verwandeln, um dort eine entwicklungsfähige jüdische Landwirtschaft zu begründen und für ihre Produkte einen jüdischen Absatzmarkt im Lande selbst zu schaffen, muß ein großstädtischer Mittelpunkt für Industrie und Handel errichtet werden. Ein neues Tiberias muß erbaut werden, mit 10000 Häusern, dessen jedes einen Garten von annähernd 10 Dunam Land haben wird. Auch diese Aufgabe gehört zu den allerersten Siedlungsarbeiten. Es gibt keinen Grund, der gegen die Notwendigkeit spricht, diesen unseren Zentralpunkt in