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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 575

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Vom Ursprung des Christentums [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
575 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Vom Ursprung des Christentums 575 Christen in seiner Zeitlichkeit stets aufs neue wieder annehmen müssen. Die Mittelbarkeit der Urkunden wird zum Verhängnis. Uns Juden ist unser heiliges Buch unser Haus, unsere Welt; wir sind in ihm daheim und bleiben es, trotz aller christlichen „Veröffentlichung". Uns droht die Gefahr nicht, in die den Christen sein Historiker bringt: daß ihm nämlich seine Urkunden in fremdartig-unerforschte , und bezweifelbare Vergangenheiten zurücksinken und seine höchste Person dem, Leben unerreichbar und unerlebbar in das Gedachte und in den Begriff entschwindet Daß in der Tat im christlichen Denken Europas durch seine besondere Verknüpfung mit dem griechischen Geiste dies alles echtursprünglich angelegt Ist und wie die christliche Aufbereitung des heidnischen Materials an Menschen und Gedanken zu solcher Folge schließlich führen kann, steht hier nicht zur Betrachtung. * * * Wörtlich heißt es bei Meyer: „So ist die Ethik Jesu in der Tat nichts anderes, als eine Umsetzung des kategorischen Imperativs in ein praktisches Gebot: Handle so, daß" u. s. f. — Wäre ich ein Christ, ich empfände dies und was folgt als Blasphemie. Weiter aber wird, ganz kurz und durchaus im Sinne der formalistischen Ethik des Idealismus, das Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn0 erledigt und Meyer fährt fort: „Damit ist das Judentum innerlich überwunden". Das ist die volle Folgerichtigkeit des Ehtwicklungsbegriffs, von dem Meyers Geschichtsauffassung beherrscht ist, Hier ist Meyer in seiner besonderen Art Christ: das Judentum ist Vorstufe, ist von dem folgenden Christentum aufgesogen, — es ist erledigt. Dies natürlich in einem ganz anderen Sinne, als in dem des Katholizismus; nicht als Schicksal, sondern als Folge natürlich-historischer Entwicklung ist es so. Und ähnlich müßte es dem Katholizismus dem Protestantismus gegenüber ergehen und so weiter, wenn das möglich ist. Doch das geht uns nichts an. Was uns angeht — und was eigentlich auch Meyer anginge, wenn er wirklich als Christ seine Geschichte geschrieben hätte, das ist die Tatsache, daß wir trotzdem, trotz der „Erledigung" durch die Entwicklung, noch da sind. Hier sollte sich doch der Historiker wundern. Deussen z. B. hat das auch ganz naiv getan: „— sehr merkwürdig und in der Weltgeschichte einzig dastehend ist es, daß die Juden . . . doch nicht von der umwohnenden Bevölkerung allmählich aufgesogen wurden und mit ihr verschmolzen u. s, f." — In der Tat! diese Art von Geschichtsschreibung begreift unser Dasein nicht. Und sie versteht deshalb, gerade deshalb, das Dasein des Christen ebensowenig. Umgekehrt: wäre sie wirklich christlich, spräche sie die Sprache ihres Lebens und nicht bloß soundsoviele „tote" Sprachen, dann hätte sie auch das Gehör für das Wort unseres Lebens. Dann — und nur dann stünde sie wirklich im Lichte der ewigen Wahrheit, an der Christ und Jude teilhaben. Die „eigentliche" Erledigung des jüdischen Daseins (das man allenfalls noch als merkwürdiges Rudiment gelten läßt), erinnert an die erstaunten Worte jenes Arztes, der nach Jahr und Tag einen von ihm aufgegebenen Patienten frisch und gesund wieder sieht: „Sie leben noch? Da sind sie falsch behandelt worden!" So ist es. Wir sind „falsch behandelt worden — im Sinne jener Entwicklung. Den Christen und den Juden hat Gottes Wille in diese Welt gestellt, und einer ist auf den anderen hingewiesen. In ihrem ewigen Zusammen und Gegeneinander enthüllt sich ihr Sinn, nicht aber und niemals in irgend welchen Ursachen, Weil er nicht christlich sieht und hört, deshalb bleibt das dem Historiker Meyer verborgen. Sein Werk geht den Christen so wenig an, wie uns Juden. Es ist nicht unsere Sache, mit den gleichen Mitteln der historischen Wissenschaft neben jenem Gebäude ein zweites als „Konkurrenz" zu errichten; von einem solchen gälte, was für dieses christliche und im Grunde so unchristliche Werk gilt. Das wäre eine Art von Apologetik, die wohl gar keine Aehnlichkeit mit der echten christlichen Apologetik hätte: die nämlich hört nie auf, weil sie sich ewig gegen den Heiden richten muß. Wenn es eine „gleiche, aber entgegensetzt-gerichtete" Darstellung des christlichen Ursprungs von jüdischer Seite gäbe (möglich ist sie natürlich), dann käme weder für den Juden noch für den Christen etwas dabei heraus. Die wissenschaftliche „Wahrheit", die so gesucht

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