Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Vom Ursprung des Christentums [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 576 (sequence 4)
- Language
- German
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576 Bemerkungen: Untergangsprobleme und gefunden werden sollte, wäre nicht die Wahrheit des Christen, und nicht unsere eigene: an unser beider Wahrheiten aber offenbart sich erst — Wahrheit. Der Streit zwischen einer christlichen Darstellung, für die das Judentum etwas in der Entwicklung Erledigtes und der Jude selbst nur noch ein seltsamer Atavismus ist, und einer möglichen jüdischen, die für sich genau so, wie es der idealistische Historiker Meyer tut, den Idealismus des XIX. Jahrhunderts in Anspruch nähme, und der das Christentum_ lediglich eine „Fehlleistung0 bedeutete' — dieser Streit ist ohne Ende. Er ist nicht unsere wirkliche ewige Auseinandersetzung. Er geht deshalb keinen von beiden etwas an. Eduard Strauß ■ \ UNTERGANGSPROBLEME „Genie und Wahnsinn in Rußland" nannte Leo Matthias sein Buch*). Es sollte über Rußland Aufschluß geben. Ein Buch von Rußland. In Wirklichkeit ist es ein wilderes, erregenderes Weiterbrermen der Probleme, die Westeuropa bewegen. Matthias nahm sie mit. Natürlich ist es auch ein Buch über Rußland, vielleicht das aufschlußreichste, das überhaupt darüber geschrieben worden ist, denn er geht von den Nerven Sowjetrusslands aus — seinen geistigen Triebfedern —der großen Innenmühle, die das „Morgen" von 150 Millionen bestimmt. In diesem Quirl von Lebensfragen greife ich nach einer Ecke. Matthias redet mit dem Chirurgenmesser — zeitweise. Es gibt Stellen, vor denen fährt man zurück. Es hat von einer, sogar sehr bestimmten Seite her getroffen. Aber gerade daher — wer mit solcher Verantwortung schreibt, muß weitere Aufschlüsse geben. Durch die Musik Rußlands geht es ihm auf, daß Kunst eine nationale Angelegenheit ist; „man kann zwar in zwei Sprachen schreiben, wie Chamisso, aber nicht aus beiden Sprachen schaffen — durch die Un¬ Unmöglichkeit, in beiden Sprachen zu leben", — man hätte dann zwei . Zentren. Das jüdische Problem taucht an allen Ecken des Buches auf — hier fehlt es. Es soll ja auch nur die Unmöglichkeit der internationalen Kunst bewiesen werden, und ,die — ist es .*) Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1921. nicht doch richtiger: vorläufige Unmöglichkeit der proletarischen, anstatt der absoluten Unmöglichkeit, wie es Matthias meint? Weiter unten gedenke ich das zu beweisen. — Eine Wunde Ist hier offen. Aus wieviel Zentren heraus denkt und lebt der westeuropäische Jude (der im doppelten Sinne Rückkehr suchende Zlonist ist nicht gemeint)? Doch nicht nur aus zweien? Sein geistiges Bild, steigt heute aus einem, das Wort ist nicht Übertrieben, wirklichen Titanenkampf wie die Stahlgerüste der Industrie — sehnig, unerbittlich, gegliedert, mit sämtlichen Reflexen aller Himmel. Die heilsuchende Richtung: vorn! Es ist die Erklärung, warum man, wie Rolland Im „Johann Christoph" sagt, mit den Juden nur von der Gegenwart sprechen kann. Erklärung —' doch nur eine für den Willen — den zähen Lebenswillen eines alten Volkes, das auch der geistigen Gefahrzone auszuweichen versteht. Der Wille machte ihm noch einmal Boden —■ wie dem Arbeiter, dem die „Fabrik" die „Prärie" ist — eine selbstgeschaffene Welt. Wenn er nicht immer von ihr „abziehen" wollte — was Matthlas an anderer Stelle als Kriterium jüdischen Geistes angibt —, könnte er sie diesmal behalten. Auch der Jude könnte dann gestaltender Künstler sein. Wenn . . . oder hätte Matthias recht? wenn auch auf andere Welse? Immerhin, Matthias ist vorsichtig. Er macht nur ab und zu ein paar Spritzer; aber alle hinter diesem Wenn. Matthias ist sehr bewußt — man kann es schwer glauben, daß irgend etwas Zufall ist — selbst^ verstreute Spritzer, sie sind hier wie Bildtupfen. Außerdem gewinnen sie an Gewicht durch die größeren Anläufe — durch die innere Balance. Denn dies „wenn" heißt: „wenn es aber nicht anders sein kann". Das aber sagt Matthias nicht — vielleicht „nicht einmal"! Seine Stüber sind schlimmer: Der Jude kennt wie der Byzantiner nur das Absolute, Beiden gemeinsam ist „der Geist, der nur das Ewige Hebt, das Unbedingte, das Absolute", Daher ist auch das Gegenteil nirgends vollkommener, beim Russen der Nihilismus, beim Juden die Skepsis, und daher gibt es auch bei beiden die gleichen Auswege; besonders den rettenden: Ersetzung der Erkenntnis, die zum Nichts führt, durch den absoluten Willen — aber nur wenn der