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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 574

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Vom Ursprung des Christentums [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
574 (sequence 2)
Language
German
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574 Bemerkungen: Vom Ursprung des Christentums oder Jüdisch — das muß der können, der die Geschichte unseres Weltschicksals schreiben will. Dann erst ist die Forderung des- Gegenstandes an eine mögliche Wissenschaft erfüllt, daß dieser Gegenstand In ihr ganz lebendig da sei und uns in vollkommener Wirklichkeit zugehöre. Vollkommene Wirklichkeit aber wäre nicht .bloß eine künstliche Systematik unendlich vieler gleichgültiger Einzelheiten; sie wäre nicht die nur gedachte asymptotische Vollendung, die man doch nie erreicht, sondern sie lebte als unser Eigen, jetzt und hier. Im Namen der Wissenschaft fordern wir etwas, das Meyers Wissenschaft nicht leisten kann, weil sie im Studienplan ihrer Hilfsmethoden zwei wesentliche Stücke auslassen mußte: nämlich Christlich und Jüdisch. Diese Wissenschaft, die, wenn auch noch so genau, immer das Gewordene und nie das Geschaffene erblickt, kommt aus einer Welt nicht heraus, in der man, mit dem Worte des französischen Astronomen der Hypothese „Gott" nicht bedarf. Und so gelangt sie nicht bis zu ihrem Gegenstand. Sie ist in einer neuen Art im Innersten heidnisch. * * * Heidentum, Judentum, Christentum sind Welttatsachen, die irgendwelche Beziehungen zueinander haben und sich irgendwie ausschließen. Dem Juden ist einmal der Christ „entsprungen"; er ist von ihm zum Heiden weiter gegangen und auch diesem gegenübergetreten. Heide und Jude waren da, bevor der Christ ins Leben trat; fortan begegnet ewig den beiden Alten der Junge. Wie stellt sich das dar, wenn man das philologische Mikroskop und das historische Fernrohr darauf richtet? Sichtbar wird dann dies: das Christentum hat sich aus dem Judentum in einer bestimmten Weltlage entwickelt; diese Weltlage aber war bestimmt durch das Leben der Völker. Einflüsse gingen hin und her, allmählich entstand das Neue. Die Eigenart dieser Entwicklungsbetrachtung ist, daß sie sich immerfort auf das Vergangene richtet und daß in ihr alles Folgende das Vorhergehende verschluckt. Die Sache hebt die Ursache auf. Wir wissen, daß man diesem „Aufheben"" einen doppelten Sinn zuschreibt: es erledigt zwar die Ursache, aber es soll sie auch bewahren. Wenn wir derart erforschte Reihen von Ursachen vor uns haben, so sehen wir, daß deren Anzahl immer größer wird, so groß schließlich, daß der Gedanke an die zweite Aufgabe des Bewahrens ganz in den Hintergrund tritt Das ist in der Tat auch hier der Fall. Was bewahrt werden sollte und was nun wirklich da ist und heute noch Christentum heißt, das wird in der Darstellung des Historikers „letztes Kapitel" und „Anhang". Meyers Jesus von Nazareth ist irgend eine geschichtlich interessante Figur; lebendig, d. h. christlich lebendig ist er nicht und aus all der eingehenden Ursachenforschung wächst seinem Bilde kein neuer Zug zu. Die gleiche Geistesverfassung, die die historische Wissenschaft ins Unendliche forschen und graben heisst, die an die Stelle des ehedem Lebendigen eine dokumentarische Vergangenheit setzt, schafft sich auch eine irreale Zukünftigkeit. Jesus von Nazareth wird durch die Kategorien der idealistischen Philosophie bestimmt; es entsteht dabei eine Art von jüdischer Vorwegnahme Luthers, ein Reformator. Was er gelehrt hat, das ist in dieser Auffassung „eigentlich nichts anderes als" die Ethik, die in Kants kategorischem Imperativ ihren modernen Ausdruck gefunden hat. Jesus von Nazareth wird zum Ideal, zu einem in Ewigkeit unerreichbaren Wert. Man darf es bezweifeln, daß der lebendige Christenmensch zu diesem Idealbilde zu beten vermag. Man darf es für sehr unwahrscheinlich halten, daß der Mensch, der Hellstatsachen erleben will, in jenen historischen Faktizitäten findet, was er sucht. Heil-lose Wissenschaft gibt ein aus letzten Endes zufälligen Dingen deduziertes, aber kein geschaffenes und darum kein geglaubtes Christentum. Die Gegenwart fehlt. Der Christ muß sich aus den Urkunden, die ihm übergeben und zugesandt sind, aus Berichten und Briefen, immer wieder das Haus seines Lebens aufbauen. Das wird ihm bei dieser Art der Darbietung und Zerlegung unmöglich. Die ofeooofATQ des Paulus, der „Hausbau" aus den Bausteinen des ergangenen Wortes, verliert hier die sehr wesentliche konstruktive Bedeutung. Die Veröffentlichungen (und das sind die christlichen Urkunden in einem ganz großen Ver¬ Stande) zerflattern in der Bewegung der historischen Zeit; sie nehmen nicht mehr den Privatcharakter an, den sie für jeden

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