Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 573

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Vom Ursprung des Christentums [Rezension]
Date
1921-01-01
Page
573 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101185-3107224--5447-3107292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

BEMERKUNGEN VOM URSPRUNG DES CHRISTENTUMS (Bemerkungen zu Eduard Meyers Geschichtswerk *)) Der berufsmäßige Geschichtsschreiber der alten Welt hat es unternommen, die Anfänge des Christentums zu schildern. In den zwei bisher vorliegenden Bänden breitet Eduard Meyer sein Material aus. Mit den Mitteln der modernen Textkritik untersucht er die christlichen Quellenschriften und zeichnet nach der Methode der heute geltenden Geschichtsschreibung eine Entwicklung des Judentums; am Ende dieser geistigen und polltischen Entwicklung steht die Gestalt Jesu von Nazareth. Ich bezweifle nicht, daß das Buch Eduard Meyers auf der Höhe der heutigen Wissenschaft steht, auch nicht daß es in so und so vielen künftigen Auflagen sich immer mehr . dem Kompendienideal nähern wird, das über diese Höhe der Wissenschaft von ,heute die noeh höhere von morgen — nein: vom nächsten Forschungsaugen blick und vom allernächsten Entdeckungszufall türmt. So kann schon eine Anmerkung des zweiten Bandes das im ersten Band Gesagte richtig stellen; das ist gewissenhafte und gediegene Arbeit, wie sie der Historiker Meyer leisten kann, weil er dazu die Kenntnisse mitbringt, ohne die der Gelehrte heute ein solches Unternehmen nicht wagen dürfte; Meyer würde dieses Buch nicht geschrieben haben, wenn er kein Griechisch oder kein Latein könnte. Ja, er kann sogar Hebräisch. Er kann, wenn man alle seine Kenntnisse und Fertigkeiten in einem Wort zusammenfassen darf, eine allgemeine, gleiche Sprache: „Historisch". Die aber will zum Verständnis aller in der heutigen Kulturwelt sprechen. Solange man gesonnen ist, in ihrer Hörweite zu verbleiben, ist alles schön und gut: man versteht einander. Das geht jedoch nur so *) Ursprung und Anfänge des Christentums I. Band: Die Evangelien. II. Band: Die Entwicklung des Judentums und Jesus von Nazareth. Stuttgart 1921. lange, als man bloß wissend interessiert ist und die Dinge nicht — unsere Dinge sind. Hier ist Geschichte eine unbeteiligte „objektive" Wissenschaft. In ihr bewegen sich Forscher und Gegenstand auf einer Fläche gleichen Potentials ohne Reibung und Widerstand. Streng objektiv genommen, kann alles so sein; es könnte auch anders sein. Aber das Sosein ist nun einmal vorhanden. Es ist nötig, den Zufall des Geschehens durch ein allgemeingültiges Denken hindurchzufiltrieren, damit die Ansicht einer notwendig ablaufenden Entwicklung gewonnen wird, Sie herrscht allgemein, gleichgültig, über was, und noch gleichgültiger für wen. Ein Christ spricht in der „historischen Sprache" über Judentum und Christentum. Er hört alle Sprachen aller möglichen Völker, er zeichnet nach ihren kritisch gesichteten Aussagen einen Zusammenhang politischer und geistiger Art. Zu der Sache findet er Ur-Sachen, endlose Ketten von Sachen; in ihnen verläuft von selbst die Entwicklung. Der Zusammenhang (hier: mit der Geschichte des Seleukiden-Reichs) hat die einzige Art von Größe, die sich solcher Anschauung offenbart: die der zeiträumlicheh Unendlichkeit. Die wirkliche Epoche, die das Christentum „macht" und durch die es die Geschichte erst zur Geschichte der (christlichen) Welt werden läßt — seine Ewigkeit fehlt. Das ist nun das Entscheidende: Aus Ursachen gewordene Sachen breiten sich aus; der offenbare, sprechende Sinn des Geschaffenen fehlt. Denn die ausgedehntesten und bis in die feinsten Einzelheiten (wenrr das möglich ist) hineingehenden Forschungen fördern Dinge zutage, die stumm bleiben: stumm, wie Ursachen immer sind, Kein ewiges Wort, keine Verkündigung, keine Weissagung spricht aus ihnen. Wir vergessen, daß der Schilderer eigentlich ein Christ ist, weil er — kein „Christlich" und kein „Jüdisch" kann. Das sind die wirklichen Sprachen, die er sprechen müßte, wenn seine Dinge nicht stumm bleiben son*- dern zu uns sprechen sollten. Christlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.