Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- André Spire
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 570 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101185-3107222--5441-3107289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
57ö Hans Kohn: Mittelmeergestades, Sonne und Regen, Galopp im Walde und Freude der Jagd, Mädchenschönheit, Land und Stadt, Aufschreie über die Unzulänglichkeit der Sprache: Ah! des mots pour peindre ces choses! Des notes, päs de mots. Des notes pour peindre ces choses? Des sourires, des rires, des sanglots, des danses ... Aber auch die Geschäfte der Menschen sind da, ihre Sorgen und Kämpfe des Alltags, die Tragödie des Alterns, die sich in wehmütigen Traum auflöst, die Vergnügungen des Volkes, das soziale Leid und die Schönheit kultivierten Lebens, die Hast und die Verlogenheit der Politik, der Großstadt, des Schriftstellerlebens, Wollust des Genießenden und Einsamkeit des Wissenden, eine Unendlichkeit des Lebens, unseres Lebens. Und dann das Problem des Verhältnisses des Intellektuellen, des Bürgersohnes zu den Arbeitern. Bourgeois seiner Abstammung, seiner Erziehung und seinen Neigungen nach, Fabrikant von Beruf, ist Spire zu einem Salonradikalismus zu ehrlich. Er hat wie die seiner Generation in Frankreich vor 20 Jahren versucht, mit den Arbeitern zu leben, ihnen seine^ Mußestunden zu geben, aber der Abstand in Neigungen und Kultur war zu groß zwischen ihnen. Und fast begann in ihm etwas wie Haß aufzusteigen, gegen die Arbeiter, gegen ihre durch Jahrtausende der Unterdrückung und Unbildung erzeugte Kleinheit, ein Haß aus enttäuschter Liebe.* Spire kehrt zu seiner Klasse zurück. Er liebt ihre Schönheit, ihre Leichtigkeit, die Anmut ihres Lebens, den berauschenden Luxus der Auserwählten. Aber vor dem Müßiggange töricht plaudernder, hohl-oberflächlicher Frauen, vor der rücksichtslosen Gedankenlosigkeit der Männer entbrennt sein Zorn. In diesen Stunden sehnt er sich nach der schwieligen Hand des Arbeiters, bittet ihm die bösen Gedanken ab, die er gegen ihm gehegt Jiat. So steht auch hier Spire wie der moderne Intellektuelle zwischen den Klassen, ein Heimatloser auch im sozialen Sinn in der Stunde, wo der Entscheidungskampf heranzunahen scheint. Aber all das hat etwas Geheimnisvolles, Unerklärbares, ein Geheimnis, ein Rätsel, das dahinter ist, das all das Vielfältige, Widersinnige verbindet und eint, überall zittert es hindurch. Wie lange noch werden wir es suchen müssen? Alles lockt geheimnisvoll, der Geruch duftenden Frauenleibes Nous apporte des ordres venus on ne sait d'oü. In schlafloser Nacht pocht in den Ohren das Blut. Gleicht es dem, das jetzt in tausend Bächen aus verstümmelten Gliedern rinnt, gleicht es dem roten siedenden Strom in den Schmieden, ist es der Kraft gleich, die Bäume sprießen läßt, dem Winde, der Blütenstaub trägt, den Wogen des Meeres? Ist es der Trieb, der des Dichters Hand zu den Worten seines Gedichtes zieht? Was bist du, Blut? O, glühendes Leben. Wir, die wir dich halten, die wir dich in uns haben, wir träumen vom Unendlichen . . Wir halten das Leben und sehen einem Fratzenantlitz in die Augen. Gestern da hatten auch wir gehofft, es schön, sanft gestalten zu können, wir hatten