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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 568

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
568 (sequence 10)
Language
German
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568 Hans K oh n: Sie bieten sich vielfach dem Tode an, auch der Jude. Doch der Tod verschmäht sie. Da erblickt der Jude im Totengefolge seinen Sohn. Er-ringt mit dem Tode, erschlägt ihn. Die, Liebe des Juden hat die Toten erlöst« . . Aber die Weltordnung scheint keinen ewigen Sabbat zu ertragen. Nach kurzer Besinnung fallen alle über den Juden her. Was soll werden, wenn es den Tod nicht mehr gibt, wie sollen all die Menschen sich ernähren? Soll die Langeweile, der Zwang zur Lüge, die Pein des Lebens ewig dauern? Der Lebensversicherungsagent und der Leichenbestatter brechen zuerst in den Ruf aus: „Tod den.Juden!" Was immer auch der Jude mit all seiner Glaubensinnigkeit, seinem Liebesreichtum, seinem Enthusiasmus schaffen möge, der Ruf „Tod den Juden" folgt ihm immer. Sie stürzen sich von allen Seiten auf ihn. Doch plötzlich ist der Tod wiedererstanden unter ihnen. Und will sie mit nehmen; doch von allen Seiten tönen ihm Proteste entgegen, sie suchen zu entfliehen. In dem Totentanz gehen Mönch und Jude Seite an Seite. Mönch: Ta main ne tremble pas, Juif? Der jüdische Schneider: Touche ma main. Pourquoi tremblerait-elle plus que la Hernie, Moine! Mönch: Tu n'as pas d'esp^rance. Der jüdische Schneider: Mon Als vit. Unbesiegbar und unzerstörbar, einsam mitten in fremder Welt, von Meute und Tod. umstellt ist es doch stärker als sie, geht das Judentum seinen Weg. Der Sohn lebt ... 4- Der Krieg fand Spire in Nancy. Dort, unweit von den Schützengräben, waren die Eindrücke der Metzelei unmittelbarer als in den großen Städten des Innern, wo die Verdummung der Zeitungen wirkte. Spire war zu anständig, um den Krieg als etwas Großes oder Schönes zu feiern, zu ehrlich aber auch, um sich über die menschliche Natur zu täuschen. Er sieht*) in einer kleinen Landstadt unweit der Front Lastautomobile rollen, die Soldaten dorthin tragen, von wo man nicht zurückkehrt. Er spürt, wie es ihm die Kehle zusammendrückt, wie er mit Mühe das Schluchzen zurückhält. Les camions passent, pleins d'hommes, Et tu les laisses partir! . . . Tu ne leur cries pas: trop dociles victimes Des bavards et des vieillards, Jusqu' ä quand croifez vous leurs phrases? Ce n'est pas pour la liberte du monde Qu'on vous empörte lä-bas, C'est pour du charbon, de la viande, C'est pour du pain, c'est pour des terres ... *) „Pendant la bataüle" in „Le secret".

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