Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- André Spire
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 567 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Andre Spire 567 Vernunft führt, und manche seiner Gedichte sind Angriffe auf die damalige Modephilosophie, den Bergsonisme, die Sensation einer sich auflösenden Gesellschaft, die dem großen Gerichte zutrieb, die Auflösung vor allem aller wahren Philosophie. In diesem Kampfe ging Spire zusammen mit seinem Freunde Julien Benda, einem französischen Juden, der ebenfalls in der Dreyfusaffaire der Schar der „Intellektuellen" und später dem Kreise der Cahiers de la Quinzaine angehört hat. Wenn man an die Gegenüberstellung des Rabbiners und des Zaddiks in Perezs „Zwischen zwei Bergen" denkt und Bergsons Lehre (irgendwie und von ferne) mit der des Chassids vergleicht, so ist Benda der Erbe des intellektuellen Stolzes unzähliger Gelehrtengeschlechter, der Hymniker der strengen geistigen Arbeit, jener letzten Askese in eiskalter, kristallklarer Luft, die der Dienst der Weisheit fordert. Julien Benda hat als Intellektualist Bergson und die Aesthetik der französischen Gesellschaft vor dem Kriege bekämpft, scharf und einseitig wie jeder Ergriffene. Denn ein Ergriffener ist auch er.*) Ergriffene sind die wahren Juden immer. Mögen sie selbst der Skepsis verfallen sein. Warten auf Wunder seit jenen Tagen, von Jesaja an dem großen Festmahle auf dem Berge sprach, vom Sinken der Schleier, von der Vernichtung des Todes. In aller Zersetzung und in aller Ratlosigkeit des Weges spüren noch die späten Enkel die unbestimmte Erwartung in sich, daß Israel zu Großem auserlesen, aufgespart werde. Diese Hoffnung, die manchmal wie ein leichter Wind Blätter im grauenden Morgen uns durchfährt, hat uns durch Jahrtausende erhalten, hat uns zu Wanderern gemacht, die nie sesshaft waren, weil sie immer wußten, dies ist nur Übergang, dies ist kein Letztes. Hat uns die Verbundenheit von Vater zu Sohn gegeben, Glieder einer Hoffnung, Sicherheit für die Erfüllung. In Spires f)La grande danse macabre des hommes et des femmes" leuchtet diese ewige Kraft des Judentums auf. Ein großer, vornehmer Wohltätigkeitsball in Paris. Gespräche, in denen diese Gesellschaft sich zur Nacktheit entblößt. Der Tod bricht ein, an der Spitze anderer Skelette und armen Volkes. Er nimmt die Damen und Herren mit in seinen Totentanz.- Das. Volk umdrängt sie, klagt sein Leid. Ein jüdischer Schneider unter ihnen. ~) Über Benda vgl. Louis Dumont-Wilden: J. B. ou l'ideologue passlonne (Le »Flambeau«, März 1921), eine interessante, aber oft unrichtige Beurteilung. Bendas interessantestes Werk ist sein Roman ^Ordination. Wenn es richtig ist, daß jüdische Kunst abstrakt und zerebral ist, so ist das jüdischste Kurist. Es ist ein Buch rein inner- Hoher Betrachtung und Musik, fremd jeder Form und Farbe, ohne die geringste Bestre bung, ohne jedes Verweilen bei der Außenwelt. Dennoch ein Kunstwerk, das man mit atemloser Spannng und tiefer Ergriffenheit liest. Ich kann es mir nicht versagen, daraus das Agende Hohelied auf die geistige Arbeit zu zitieren: „Non plus le caressement des idecs qn'U avait connu comme tous ceux de sa classe au sortir du College, non plus le IMement des doctrines, entre une visite et un diner, mais l'etreinte passionn^e, permanente, des semaines entleres, passees ä creuser un concept, sans penser ä autre chose,^lac on fievreuse de ce creusement et les transes de l'echec etles joies de triomphe et haletante de l'idee par l'idee et de l'etre entier tendu comme d'une tension d amour pour »arolr ti teile idee nait de telle~äutre ou bien si c'est le contraire.«