Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- André Spire
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 566 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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566 Hans Kohn: der Gerechtigkeit beherrscht ist und aus ihr das Attribut ihres Gottes gemacht hat, die ihre Beziehungen zu Gott wie einen Vertrag auffaßt, dem sie sich immer wieder entziehen möchte und nicht entziehen kann. Und aus diesem ewigen Kampfe von Bewährung und Abfall entspringt die Unruhe "jüdischen Wesens, die es so verwandt macht dem Strömen der Musik, dem Rinnen des Wassers, Symbole, zu denen Spire immer wieder zurückkehrt. Denn die Welt der Töne und die geheimnisvolle Macht der Meere und Flüsse ersetzen dem Juden Formen und Farben. Jehuda Halewi und Heine, Tschernichowski und Schimonowitz stehen immer wieder vor dem Meere, dessen rastloses Suchen Antwort auf Fragen rastloser Seele verspricht. Aber Morgen strahlender Heiterkeit heben sich über die Erde; all unser Kampf um Gerechtigkeit scheint so vergeblich, so eitel, mehr noch voll ungerechtfertigten Hochmuts; was hilft verstehen wollen den Rätseln der unendlichen Natur gegenüber. Der Dichter bricht auf „vers les routes absurdes".*) Hier und vor allem in den Gedichten des ersten Teils hat Spire seine volle reife Meisterschaft entfaltet. Die Absicht dieser Studie zielt anderswohin, aber es fällt mir schwer, nicht wenigstens mit einem andeutenden Worte auf die Schönheit und die Lebensfülle dieser strahlenden Welt Spirescher Dichtung hinzuweisen. Welche biegsame Kraft ist dort in dem Gedichte „Ski-Heil!", welch Duft von Wald und reifem Erntefeld und Mädchenkörper, welch Glück freigelöster Uebung der Muskeln und Sehnen steigt aus diesen unmittelbaren Worten, die in ihrer freirhythmischen Sprachform uns nackt ans Herz greifen, es zusammendrücken und sich dehnen lassen in Sehnsucht nach Leben, in Schrei nach Glück. - Aber kann er verweilen? „Si vous croyez que j'accepte Tordre des choses! . . Hat er das Recht zu genießen, während so viele Frauen schwer arbeiten, so viele Kinder sterben? Hat er das Recht, Bücher zu schreiben? Wer aber wüßte die Träume der Menschen, ihre Niederlagen, Schreie und Tränen, hätten nicht Dichter seines gleichen geschrieben? Pflichten erstehen, Aufgaben der menschlichen Vernunft, des Chaos zu ordnen, umzugestalten. In diesen Jahren (um 1910) hatte die Philosophie Bergsons die Salons der Pariser Gesellschaft ihn Entzücken versetzt. Man begann die Vernunft zu schmähen, man jonglierte mit vagen Begriffen, und der Philosoph selbst trat diesem Treiben nicht entgegen, sondern leistete ihm Vorschub. Alle Dunkelmänner deckten sich hinter seinem Intuitionismus. In Verbindung mit dem Pragmatismus schien die neue Philosophie alle ernstliche, langsame Arbeit der Vernunft, dem Chaos immer mehr Kosmos abzugewinnen, unmöglich zu machen. Die Kraft der großen klassischen französischen Vorbilder des achtzehnten Jahrhunderts schien ebenso bedroht wie die Stärke der intellektuellen Disziplin, die die jüdische Tradition ausgezeichnet hatte. „Routes absurdes" erschienen Spire die Wege, auf die die Abdankung der *) „Vers les routes absurdes", Mercure de France 1911,