Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- André Spire
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 564 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Hans Kohn: Züschauer teilgenommen. „J'ai ete tres impressionne par les Congres", schrieb er mir darüber. Er ist dem Leben des jüdischen Proletariats und des jüdischen Auswanderers nachgegangen, von denen manche, auf ihrem Wege nach dem Westen, als Mützenmacher, als Kürschner, als Schuster und Schneider sich in Paris niedergelassen haben. Er hat die Kinder des Ghettos kennen gelernt, ihre Tragik und ihren Humor, ihre Licht- und Schattenseiten, ihr Erhabenes und ihren Schmutz. Aber was ihn vor allem interessiert hat, war das Problem der jüdischen Assimilation, der Stellung des kultivierten Westjuden zur Welt und zu seinem alten Volke. Die Möglichkeit der freien Würdigung, der wahrhaften Annäherung an die anderen, die der bewußte Jude hat, ist ihm an Zangwills „Italian Fantasies" klar geworden, dem Buche, wo der Jude sich mit der Schönheit und Größe des Katholizismus auseinandersetzt. Das Gegenteil, das haltlose Schwanken und die Lebensverneinung, die der Mangel der Selbstachtung bei tieferen Geistern erzeugen muß, hat er an Otto Weininger nachgewiesen. In James Darmesteter zeigt er den Typus des modernen Juden, der es versteht, durch eine Gleichsetzung das Fremde und das Judentum in sich zu versöhnen. Darmesteter lebte in einer Täuschung, er wagte der Wahrheit nicht voll ins Antlitz zu schauen. Weininger und Zangwill tun es: aber der eine schöpft daraus neue Lebenskraft, Steigerung seines Wesens, der andere den Tod, die völlige Selbstzerstörung. Für Spire konnte es nicht zweifelhaft sein, welches der richtige Weg war. Er ging den Weg Israel Zangwills. Lyriker, hat er sein jüdisches Gefühl in Dichtung geformt. Aber, und das hebt ihn weit über so viele andere schon durch diese Tatsache hervor, seine Gedichte sind jüdisch durch das Weltgefühl, nicht durch ihren Inhalt. In der endgültigen Ausgabe seiner Poemes Juifs, die 1919 erschien, stehen so viele, in denen das Wort Jude nicht vorkommt, sondern die Raserei des Luftschiffes, der Lärm der Großstadt, die tragische Schönheitdes Lebens, die sozialen Gegensätze. Und doch werden sie als jüdisch empfunden. Weil der Mann, der sie schrieb, in aller Vielfältigkeit seines Seins, in aller unendlichen Verknüpftheit seines Wesens, die aller modernen Kulturmenschen Los und unser doppelt ist, in aller Teilnahme und allem Offensein dem weiten Geschehen gegenüber, . doch das Jüdische in sich als die tiefste, tragende Schicht empfindet. Und dass dies geschah in einem völlig unjüdischen Milieu, in einem Lande und in einer Kultur, wo dies den Weg des absolut größten Widerstandes bedeuten mußte, allein und ohne Begleiter, ist eines der Wunder der ewig sich erneuernden Lebenskraft des jüdisches Volkes. Spire schlägt die Brücke hinüber von seinen sozialen Kämpfen und Verzweiflungen zu seinem Volkstum: „Ihr fragt mich, warum ich diese Parias .liebe. Es ist das einzige Proletariat, von dem ich noch etwas erhoffen kann." Aber es ist dies nur eine Scheinbrücke. Denn er kommt *) Spire hat diese Aufsätze in dem Bande „Quelques Juifs** Mercure de France 1913 vereinigt.