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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 563

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
563 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Andre Spire 563 lebnisse des modernen Juden zum Gegenstande hat. „Chad Gadja« hat auf die Juden in der französischen Literatur einen entscheidenden Einfluß gehabt. Der moderne Jude empfindet vor den Traditionen, vor dem Erbe des dunklen Ghetto einen Widerwillen, aber dennoch zieht ihn eine geheimnisvolle Sehnsucht zu diesen Erinnerungen aus dem Orient. In „Chad Gadja" ersteht das langsam erlöschende, halb schon verwischte, in fremder Welt untergegangene Israel wieder wie ein unvergänglicher Fels von Granit, majestätisch, uralt, allweise, unbeweglich vor den stets wechselnden, rastlos beweglichen, suchenden letzten Kindern des Volkes, die noch in ihrer Kindheit die letzten Eindrücke des jüdischen Heimes, der Ahnentradition empfangen hatten. Spire erzählt uns, wie diese Erzählung auf einen seiner Freunde, einen typischen französischen Juden gewirkt hat. Enkel galizischer Juden, deren Sohn aber schon in Frankreich geboren und naturalisiert war, hatte dieser Freund in den Schulen Frankreichs stets den ersten Preis davongetragen, frühreif, beweglich, klug und wissensgierig sich allen seinen Mitschülern überlegen gezeigt. Er bewarb sich 1896 um eine Stellung am Obersten Rechnungshof; sie wurde ihm in diesem Jahre, da die Wellen des Antisemitismus infolge der Dreyfusaffaire hochzugehen begannen, verweigert. Er stürzte sich in den Kampf der „Affaire". Tag und Nacht arbeitete er, gab einen Teil seines Vermögens für Volksuniversitäten, für Syndikate, war liberal, Anarchist. Als der Sieg kam, fand er sich, ohne es gewollt zu haben, Freund mächtiger Abgeordneter, leitender Minister. Sie beriefen ihn, seine Gaben, seine Kenntnisse, seine Arbeitskraft bahnten ihm den Weg; in wenigen Jahren war er einer der höchsten Beamten der Republik. Offizier der Ehrenlegion, Schwiegersohn eines armen, aber sehr hohen Beamten, hatte er seinen Namen geändert. Während einer kurzen Influenza hatte er „Chad Gadja" gelesen und die Erzählung hatte ihn so erschüttert, daß er Spire bat, Erkundigungen einzuziehen, wer Zangwill sei. Aber die Geschäfte des Alltags, die gesellschaftlichen Verpflichtungen ergriffen wieder vollständig von ihm Besitz. Spire hat ihm nie erzählen können, was er über Zangwill erfahren hat. Die Stunde fiebriger Krankheit, wo er sich an sein Judentum erinnert hatte, war für immer vergangen. Aber tiefer war der Eindruck auf Spire. Er fuhr nach England, lernte 1906 Zangwill dort kennen, las die „Träumer des Ghetto«, begann über Zangwill zu schreiben*), über das Judentum nachzudenken, seinen Wegen in Vergangenheit und Gegenwart nachzugehen. Soziologe und seit jeher an den Problemen der Lage des Proletariats interessiert, wandte er sich dem Studium der Lösung der Judenfrage zu. Er wurde Territorialist, Mitglied des Zentralrates der JTO, wohnte ihren Sitzungen in London bei und sollte sich an der Konferenz, die für August 1914 , nach der Schweiz einberufen war und die der Ausbruch des Weltkrieges verhindert hat, beteiligen. An den zionistischen Kongressen von Basel (1911) ™d Wien (1913) hat er als *Tzu7rst Revue de Paris vom 15. September 1909, dann „Cahiers de la Quinzaine« H. Dezember 1909 und öfters.

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