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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 561

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
561 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Andre Spire 56l Persönlichkeit, ist seine Sprache. Seine Gedichte sind im vers libre geschrieben, der in den neunziger Jahren ebenfalls durch einen jüdischen Franzosen, Gustave Kahn, einen bedeutenden Lyriker der symbolistischen Schule, in die französische Dichtung eingeführt worden ist. Diese Verse sind voll Musik, eine nervöse Spannung ist in ihnen, kurz und eindringlich in impressionistischer Art geben sie ein Bild, eine Bewegung, den Flug eines Gedankens wieder. Sie sind nicht, wie der klassische französische Vers, durch die Silbenanzahl gebildet, sondern durch die Akzentuierung der natürlichen Rede, auf dem Klang der modernen gesprochenen Sprache aufgebaut, mannigfaltig wie der Sinn und der innere Rhythmus des Gedankens, den sie ausdrücken. Spire ist den Gesetzen und der Technik der Sprache sorgsam nachgegangen und er hat die Ergebnisse seiner Forschungen und Versuche öfters publiziert, zuletzt in seinem Aufsatz „Le vers fra^ais'**). Spire ist keines jener früh entwickelten Wunderkinder, an denen wir so reich sind, auch keiner jener, die ein frühes Ende zu vorzeitiger Reife treibt. Etwas Männliches und Starkes ist in ihm und noch die Gedichte des Fünfzigjährigen sind voll jugendlicher Liebe, Kraft und Erwartung. Er hat sich weit umgeblickt in den Ländern und Zivilisationen Westeuropas, hat viel politische und soziale Erfahrung gesammelt. In seiner großen Bibliothek reihen sich Werk an Werk, die seinen geistigen Horizont bestimmt haben, und unter ihnen stand seit frühester Zeit die Bibel. Er liebte es Zitate aus dem alten Testament seinen Dichtungen voranzusenden, so sehr wirkte in ihm unbewußt der Zusammenhang. Über dem Versband „Et vous riez" steht das Psalmenwort von dem Gerechten, der sich nicht auf die Bank der Spötter setzt. Der Kontrast erwacht zwischen den Besitzenden in ihren Wagen und dem schmutzigen Arbeiterviertel, zwischen den auf die sie ernährenden Arbeiter hochmütig herabsehenden Herren und Damen und der Gleichgültigkeit des Volkes, das sich betäubt Der Dichter ist zurückgekommen vom Volk, zu dem er gegangen ist, um mit ihm zu arbeiten, aber das Volk hatte ihm nur erwidert: »Ich bin todmüde" oder hatte auf seinen leeren Magen gewiesen. Der Arbeiter Augen waren stumpf und hoffnungslos,' ihr ganzer Zustand der einer resignierten Erstarrung. Die Maschine und die Arbeit ist völlig ihr Herr, den sie nur lassen, um zu ihren bleichen Frauen, zu ihren mageren Mahlzeiten, zu ihrem Kneipwirt zu gehen, aber zu dem sie immer wieder resigniert und dumpf zurückkehren. Der Dichter steht am Flußufer, das Wasser braust mächtig daher, Schiffe und Arbeit, Sonnenstrahlen auf den Wellen, Arbeiter, die eine Eisenschiene tragen, scheinen im rhythmischen Schreiten von übermenschlicher Größe. Et le rail de fer chante: Je veux etre pos& Et je prends tous ces hommes et je leur dis: „Venez. Venez, muscles saillants, venez forts, venez bruts; *) „Mercure de France" vom 16. Juli 1914*

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