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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 560

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
André Spire
Date
1921-01-01
Page
560 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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56o Hans Kohn: der gleichen Ehrfurcht, die er für das Leben seiner Rasse empfand, trat er dem Leben des jüdischen Volkes, dem Wunder seiner Diesseitsbeharrung gegenüber. In seinem wLouis de Gonzague", den er als Vorrede den Gedichten Spires voransandte, sagt er in seinem eigenartigen, sich wie ein Strom langsam durch fast gleichartige Wellen zu majestätischer, feierlicher Steigerung tragenden Stile: „Heritiers autant que nous le pouvons, autant que nous le voulons et quelquefois meme un peu plus, de la discipline hebraique, heritiers des Juifs anciens, cohäritiers des Juifs anciens avec les Juifs modernes, au moins avec certains d* entre eux . . des plus nobles, des plus dövouös,"~ des plus dignes de leur 6ternite terrestre et de leur incomparable race . . de la discipline hebraique, des anciens et des nouveaux Juifs recevons cet enseignement que le salut temporel de l'humanite a un prix infini, que la survivance d'une race, que la survivance terrestre et temporelle d'une race, que la survivance infatigable et lineaire d'une race ä travers toutes les vagues de tous les äges, que le maintien d'une race est une oeuvre d'un prix infini ... Et je place ce paragraphe sous l'invocation de la memoire que nous avons gardee du grand Bernard Lazare."*) In Andre Spire sind zwei Kräfte: die alte geplagte lauschende Judenseele und das helle, zärtliche Auge des Franzosen, des Erben Griechenlands. Er liebt das Leben, mit einer klaren, heiteren Sinnlichkeit, seinen Glanz, seine Versuchungen; die Schönheit der Welt lockt ihn, zieht ihn zu sich, Frauen und Städte, Himmel und Flüsse, Bücher und Tränen. Mit seltener Kraft und Jugendlichkeit wird sie noch der Fünfzigjährige singen. Aber in seinejn Blicke ist immer noch etwas Tieferes: ein fassungsloses Erstaunen, ein Erschrecken ob allem Leid. Eine Absage an die bloße Freude der Schönheit. Ein gequälter Aufschrei bricht aus ihm: „Und ihr könnt noch lachen!" Jahre später wird derselbe Mann im Anblicke der Greuel des Krieges in den Schmerzensfuf ausbrechen: „Und ich habe den Frieden gewollt." (Et j'ai youlu la paix!) Und das Bewußtsein seiner Hilflosigkeit, die Erkenntnis der Menschennatur, der Verzicht auf so. manchen naiven Jugendtraum wird ihm jene klare Stille geben, die keine Illusion mehr kennt, die keinen Selbstbetrug, kein vages Halbdunkel verschwommener Ausflüchte mehr duldet. Will er sich aber ferne von sich selbst in liebliche Bilder flüchten, bricht immer wieder der Protest aus ihm hervor gegen diese Welt der Ungerechtigkeit, die man nicht ändern, aber auch nicht hinnehmen kann. Er möchte glauben, wie einst die Propheten; aber er kann es nicht. Er möchte auf den bunten Wiesen heiter spielen; aber es bäumt sich inihm dagegen auf Aus dem Kampf zweier Kräfte bleibt als letzte Zuflucht ein leiser, gütiger Spott, eine offene Mitliebe und Hilfsbereitschaft, eine verschwindende Hoffnung, an die man nicht mehr zu glauben wagt und worüber man unglücklich ist Aufrichtig, suchend und von allem Parteischema losgelöst, wie seine *) Ueber Bernard Lazare und Charles Feguy s. den demnächst folgenden Aufsatz: Juden in der französischen Literatur.

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