Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 552 (sequence 8)
- Language
- German
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Josef Meisl: Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung sie ihm, er ergreift bestimmte Berufe, er wirkt auf das ökonomische Leben in eigenartiger Weise, die öffentliche Meinung setzt sich zur Wehr oder läßt sich von jüdischen Einflüssen leiten, sie schiebt ihn nach gewissen Richtungen der Wirtschaft. Sombart hat solch ein Beispiel aus der jüdischen Geschichte abzuleiten gesucht, indem er, ausgehend von der Entwicklung des Kapitalismus, die Juden als dessen Schöpfer zu entdecken glaubte. Er hat damit einen Ausschnitt aus einem Entwicklungsprozeß in der Tendenz, vielleicht nicht in allen Details richtig gesehen, aber keineswegs Wesen und Inhalt der jüdischen Geschichte ausgeschöpft In den Wirkungen sind beide bisher behandelten Prozesse im wesentlichen zentrifugal, anders ausgedrückt, sie zielen auf Einfügung oder Assimilation ab. Der dritte Prozeß, der national-geistige, ist dagegen im großen Ganzen zentripetaler Natur, aut die Erhaltung der jüdischen Eigenart gerichtet. Er bedeutet mehr als die Pflege der religiösen Tradition, denn er involviert die geschichtliche Tendenz, daß das Volk der Juden immer wieder nach einem geistigen Kraftzentrum, nach Zion tendieren muß. Je nach der Stellung zu diesem Mittelpunkt unterscheiden sich die verschiedenen inneren Strömungen von einander, ob sie nun auf dem Primat des Verstandes (Rabbinismus) oder dem des Gefühls (Mystizismus) sich aufbauen, ob sie nun nach Zweckmäßigkeiten orientiert sind (Assimilation des neunzehnten Jahrhunderts) oder die Konsequenz aus der nationalen Besonderheit der Juden einfach als Selbstzweck ziehen wollen (Nationalismus). Der geistig-nationale Prozeß bildet zugleich die Brücke über die Grenzen der Länder, in welche die Juden zerstreut waren, in ihm kommt das unlösbare Band, das das zerstreute Volk bis zum heutigen Tage verbunden hat, zum geschichtlichen Ausdruck. Nicht etwa in der Art, daß die Entwicklung überall einheitlich verlaufen wäre und gleichen Schritt gehalten hätte, sondern darin, daß jeweils die Hegemonie eines Teiles der Judenheit bestand, der dann auf die übrigen Reste von entscheidender Wirkung war. So gab es eine palästinensische, eine palästinensisch-babylonische, eine babylonisch-arabische, eine spanisch-französische, eine spanischdeutsche, eine deutsch-polnische Dominante, die dem jüdischen Geistesleben die jeweilige Physiognomie gegeben haben. Bis in unsere Tage hält dieser Wechsel der Hegemonien an, und es scheint, daß der Prozeß nunmehr nach dem Ausgangspunkt, nach Zion, zurückkehren und dort die Wurzeln der Volksexistenz in das uralte Erdreich senken will. Ungefähr nach solchen Richtlinien wird sich eine moderne jüdische Geschichtsschreibung orientieren müssen, welche, um einen Totalbegriff von dem Geschichtsverlauf zu geben, nicht nur das Kausalverhältnis, sondern das Nebeneinander der Geschehnisse berücksichtigen will. In einem Schema zusammengefaßt, wäre dem oben Ausgeführten entsprechend, der nachexilische Geschichtsstoff ungefähr folgendermaßen zu gliedern: I. Politischer Prozeß: i. Einwirkung des allgemeinen Geschichtsganges auf die jüdischen Verhältnisse. 2. Rechtsverhältnisse.