Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 550 (sequence 6)
- Language
- German
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550 J o s e f M e i s 1: der der Druck der Fremdherrschaft nicht fühlbar ward, aber der Versuch Aegyptens, seine Hand auf Syrien zu legen, und der dadurch entfesselte Streit mit Nebukadnezar brachte den Stein ins Rollen. Jerusalem fällt, alle Versuche zur Wiederherstellung der Selbständigkeit Judas scheitern; mit der Wegführung der einflußreichen sozialen Schichten stehen wir an dem entscheidendsten Wendepunkt der jüdischen Geschichte. Die Konzentration ist vorbei, und es beginnen die Zeiten des Exils. Ideell und durch den religiösen Mittelpunkt an Palästina gefesselt, wird trotz zeitweiliger Repatriierung der Körper der Nation zum größten^ Teile von den höheren Kulturen angezogen und in den Ländern des Exils in Babylonien und Aegypten festgehalten, weil die Heimat innerlich zerklüftet, wirtschaftlich die Last, der Massensiedlung nicht mehr tragen kann. In dieser Vorstufe der Diaspora nimmt die jüdische Geschichte einen eigenartigen Verlauf, der schon nicht mehr mit der Entwicklung anderer Völker, mit dem „Normalverlauf der geschichtlichen Nationen" verglichen werden kann. Vom babylonischen Exil, das diese Entwicklung beschließt, muß deshalb nach anderen Orientierungspunkten für die Erkenntnis .des Verlaufs der jüdischen Geschichte gesucht werden. Die Entwurzelung eines Teiles des Volkes aus dem heimatlichen Boden bildete den Beginn eines unaufhaltsamen Loslösungsprozesses, der erst nach vielen Schwankungen zur Vollendung gelangte. Allerdings berührten diese zentrifugalen Tendenzen die Seele der Nation nicht in dem Maße, daß sie auch ihre Vernichtung nach sich gezogen hätten. Der geschichtliche Verlauf erschöpft sich vielmehr in dem Zwiespalt zwischen dem durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse entstandenen Zwange zur Konzentration immer größerer Volkssplitter auf außerhalb Palästinas gelegenen Territorien und dem „Drange nach Zion". So ergeben sich für die Zeit vom babylonischen Exil bis zum Untergange des judäischen Staates (586 v. d. g. Z. — 73 d. g. Z.) auf der einen Sehe die zentrifugalen Tendenzen während der Babylonier-, Perser-, Griechen und Römerherrschaft, auf der anderen Seite die Bestrebungen zur nationalen Selbstbehauptung, wie sie sich uns in der von Cyrus erlaubten Rückkehr der Exulanten, in dem unabhängigen Hasmonäerstaate und in dem patriotischen Widerstande gegen jegliche Fremdherrschaft dokumentieren. In diesem Zwiespalt der beiden Prozesse erwies sich die zentrifugale Tendenz als die stärkere, deren Auswirkungen auf einen Ausgleich durch ein Zentrum mit unwiderstehlicher, aber immer von neuem belebter Schaffenskraft hindrängten. Diesem Ziele dienten die Schriftgelehrten. Die Bemühungen Serubabels, Esras und Nehemias zur nationalen Renaissance, um die „Religion und den Kultus in den Dienst der nationalen Einigung zu stellen", stehen am Anfang dieser Entwicklung, und die „Sopherim" haben das Fundament für jenes Zion gelegt, das bis auf den heutigen Tag die Seele der Nation vor dem Untergange bewahrt hat. Mit dem Abschluß des Talmud ist der hier gekennzeichnete Prozeß zur Vollendung gebracht. Diese Geschichtsperiode kann, wiewohl nicht alle sie erfüllenden Prozesse zu dem gleichen Zeitpunkte