Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 549 (sequence 5)
- Language
- German
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Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung v -—--;——--___ 549 gegenüber. Die alten, einfachen Sitten, die auf dem Lande geherrscht hatten, schwinden dahin, und in den Städten macht sich ein üppiger, ungesunder, sittenverderbender Luxus breit. Allerdings ist dieser „Kapitalismus«, wie überall, auch der geistige Vater einer höheren Kultur, die zum Teil unter den Einflüssen der umgebenden Völker steht Die Literatur erlebt eine Blüte, und die Verfeinerung des Geisteslebens drückt der Zeit ihren eigentümlichen Stempel auf. Es geht ein aristokratischer Zug durch das ganze nationale Leben. Wie in der Verfassung und Verwaltung die „Aeltesten« und die dem Geschlechtsadel entstammenden Beamten, wie auf religiösem Gebiete die priesterliche Aristokratie den maßgebenden Einfluß übt, so ist auch die aus ihrer ehemaligen Isolierung erlöste Einzelpersönlichkeit im sozialen Leben ein stärkerer Faktor denn je geworden. Sie ^erscheint aktiv geworden, von sich aus handelnd, bestrebt, sich den Dingen als^Herrscher und Leiter gegenüberzustellen", bestrebt, auch „auf alle mitlebenden Personen Einfluß zu gewinnen". Der Einwirkung und Vervollkommnung des Subjekts dienten schließlich die Lehren der großen Propheten, die auf der sittlichen Weltordnung, dem ethischen Monotheismus fußend, ihre visionären Erlebnisse kündeten. Ihre Kritik und ihre Forderung nach Umwertung aller Werte verhallten in einer Zeit der. Dekadenz, aber ihre positiven Ideale von Gotteserkenntnis und Israels Mission wurden zum Rettungsanker, nicht nur, als die Fundamente wankten, sondern als die Katastrophe schon hereingebrochen war. Der politische und ökonomische Ruin war indes nicht mehr aufzuhalten. Das Nordreich fand, gleich vielen Staaten des Morgenlandes, ein rasches Ende. Wenn auch seine Bewohner zunächst im Lande verblieben, so unterlagen sie doch einer physischen und seelischen Assimilation mit assyrischen, babylonischen und arabischen Elementen. Die Politik der Assyrer arbeitete bewußt auf diese Lösung hin, indem sie die gerade wirtschaftlich und sozial wertvollsten Klassen nach dem Siegerlande verpflanzte und in die dortigen Verhältnisse eingliederte. Damit ward das Israelreich ökonomisch vollständig ruiniert, aber auch für seine nationale Behauptung blieb ihm keine Stütze. Nach dem Falle Samariens war das Reich Juda in weltpolitische Konflikte verwickelt, die für seine Zukunft von entscheidendem Einfluß wurden. Als unmittelbarer Nachbar des großen Assyrerreiches vermochte Juda sich nur dann selbständig zu erhalten, wenn es gelang, etwa durch einen Zusammenschluß der palästinensischen Kleinstaaten und der Nachbargebiete die Tributherrschaft Assyriens abzuschütteln. König Hiskia (686—719). war deshalb nicht nur auf die Stärkung der Wehrmacht bedacht, sondern schenkte auch den Bestrebungen der zum Abfall von Assur neigenden Patriotenpartei ein williges Ohr. Trotz der prophetischen Warnungen vor einem Bündnis der Südstaaten mit Aegypten war es für das Reich Juda unmöglich, den politischen Verwicklungen fernzubleiben und seinen eigenen Untergang aufzuhalten. Das Assyrerreich begann zu wanken, Meder im Verein mit den Babyloniern führten den Todesstreich gegen den Koloß, von dem sich die Vasallenstaaten schon losgesagt hatten. Eine kurze Atempause trat ein, in