Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 548 (sequence 4)
- Language
- German
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548 J o s e f M e i s 1: der Konsolidierung der Verhältnisse das Streben nach Zentralisierung und Konventionalisierung des nationalen Lebens in bestimmten Formen Hand in Hand. Der neue Zug tritt vor allem auf wirtschaftlichem Gebiete in die Erscheinung. Die halbnomadischen Hirten, als die sich uns die Israeliten ursprünglich repräsentierten, werden zu Bauern, zu Gartenbesitzern, zu Städtebewohnern. Die alte Stammesverfassung ist nicht mehr haltbar, und die Bindung des Blutsverbandes wird durch die Gemeindeverfassung ersetzt. Die allmähliche Einigung der Stämme, besonders in der ersten Königszeit, hat das nationale und religiöse Leben in neue Formen gebunden, konventionalisiert. So wurde dem Gemeinschafstleben durch die Staatengründung, dem religiösen Leben durch den geordneten Tempelkult eine Gestaltung verliehen, in welche das Individuum und das Volk fest eingeschlossen werden sollten. Durch den Sieg, den die offizielle Religion über die unterirdischen Strömungen der Volksseele zeitweise errungen hatte, ward die Freiheit der Phantasietätigkeit in Konventionen gefesselt. Aber dieses Streben nach Aufrichtung der Schranken in allzu engen Grenzen vermochte sich nur eine relativ kurze Zeit auf der Höhe zu erhalten. Denn die sozialökonomische Entwicklung drängte nach größerer Freiheit. Die Loslösung von den primitiven /Verhältnissen, die Sesshaftigkeit der Nomadenstämme, der Ackerbau und die Gründung von Städten schufen eine völlig veränderte Lebenshaltung und steigerten mit der Erweiterung des Blicks die Bedürfnisse. Die innigere Berührung des Landes mit den Kulturen der umgebenden Völker hob das Land aus seiner engen Sphäre hinaus und bewirkte einen auch das Geistesleben tief bereichernden Güteraustausch., Groß war die Umwälzung, die sich unter dem Einfluß der ökonomischen Veränderungen vollzog. Mit dem wachsenden Handel ward die Kluft zwischen Reichen und Armen noch mehr vertieft. Die emporkommende Beamtenhierarchie trat zu den schon bestehenden Klassen hinzu, und damit ward ein weiteres Glied aus dem alten Gleichheitsverhältnis gelöst Auch die Neuordnung der Verwaltung mit der Durchbrechung der Geschlechterverbände und der Gemeindeorganisation trug sehr wesentlich zu einer Erschütterung der einzigen Grundlagen des sozialen Lebens bei. Alles tendierte auf die Sprengung der Ketten, die dem Individuum einstens noch angelegt waren, persönliche Interessen und Motive treten mehr in den Vordergrund, wir stehen an der Schwelle eines neuen Kulturzeitalters des Individualismus. Den zentrifugalen, individualistischen Tendenzen erwies sich die künstlich zusammengefügte Einheit des Reiches nicht gewachsen. Das israelitische Reich (Zehnstämmereich) trug den Keim zu raschem Untergange in sich, während das Reich Juda durch den Besitz der Hauptstadt Jerusalem mit dem Tempel infolge der Erinnerungen an die große Königszeit längere Dauer zu verbürgen schien. Mit der politischen Atomisierung geht die wirtschaftliche Krise Hand in Hand. Die Geldwirtschaft tritt anstelle der Naturalwirtschaft, der Grundbesitz konzentriert sich in den Händen weniger Begüterter, und alleÄ diesen Mächtigen steht ein wachsendes- Proletariat