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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 546

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung
Date
1921-01-01
Page
546 (sequence 2)
Language
German
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546 Josef Meisl: einer Mischkultur, in welcher bald diese, bald jene Elemente überwogen. Auch auf dem Gebiete, auf welchem Palästinas Kulturleben einen originalen Zug nehmen sollte, auf dem Gebiete der Religion, finden wir babylonische, ägyptische und hettitische Gottheiten in buntem Durcheinander, nur daß nicht, wie auf den übrigen Kulturgebieten, die Kompilation mit dem Fremden in erster Reihe steht, sondern die kanaanitische Religion ihre eigenen Wege geht und neben den fremden Göttern spezifisch kanaanäische Gottheiten schafft und in ihren Grundanschauungen sich mehr und mehr monotheistischem Denken zu nähern beginnt. Die etwa von 1550 an in Palästina eingedrungenen hebräischen Wanderstämme kamen etappenweise in einzelnen Gruppen mit besonderen Bezeichnungen, deren bedeutendste Vertreter die drei Stammväter Abraham, Isaak und Jakob gewesen sein dürften. Von ihnen zweigen sich dann Unterabteilungen ab, von welchen eine, der Josephstamm, weiter — bis nach Aegypten — geriet. In diesen Vätergestalten liegt sicherlich mehr als bloßer Märchenstoff und bloße Symbolisierung der Lebenserscheinungen etwa des Wüstenbewohners in Ismael oder des Jägers in Esau. Sie sind zum Teil geschichtliche Persönlichkeiten, die einen bedeutenden Kulturgrad repräsentieren, wie wohl sicherlich Abraham, der vielleicht nicht gerade Monotheist war, doch aber einen höchsten Himmels- oder Schöpfergott verehrte und damit dem Polytheismus der Umgebung voraneilte. Will man sich nun eine Vorstellung von dem Seelenleben dieser Halb- oder Ganznomaden machen, so muß man versuchen, in die primitive Psyche der Hirten, Jäger und der wenigen Ackerbauer, die unter ihnen waren, zu dringen, ihre Entwicklung auf dem Gebiete der Phantasie-Betätigung, der Sitte und Religion, sowie des Wirtschaftslebens beobachten. Die Schlichtheit und Einfachheit der Lebensweise, welche diese Urzustände kennzeichnen, die unmittelbare Berührung mit der Natur regten diese Stämme zu starker Betätigung der Phantasie an, die in gewissen Formen symbolisiert erscheint. Noch wird die „Phantasietätigkeit nicht in mehrere Strahlen gebrochen" und „das gedankliche Gerüst irgendeiner Vorstellung oder« irgendeines Wollens wird in einer bedeutungsvoll aufgefaßten Handlung verkörpert". In der Welt der Gottheiten, mit der Krönung durch ein höchstes Wesen, wurden die bedeutungsvollsten und eindrucksvollsten Erscheinungen der Natur und des menschlichen Daseins symbolisiert. Aus den Resten der Denkmäler dürfen wir auf die Entwicklung gewisser Vorstellungsprozesse, in denen Symbolisierungen zum Ausdruck gelangen, schließen. Die Ersetzung der Verbrennung durch die Bestattung zeigt die Entwicklung von dem primitiven Glauben an eine mit dem Körper unlöslich verbundene und mit ihm zugleich zugrunde gehende Seele zu der Vorstellung von der fortlebenden Seele. In dieser amnestischen Vorstellung liegt einer der Gründe zur Geisterverehrung, die auch den Stammvätern Israels nicht fremd gewesen sein kann. Einen ferneren Beweis für die symbolistische Vorstellungsweise dieser Zeit bieten die auf den Denkmälern vorhandenen Striche und Verzierungen mit ihren gelblich-weißen Ueberzügen und roten Linearornamenten, sowie den Ver-

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