Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 545 (sequence 1)
- Language
- German
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J o sef Meisl; Ziele und Aufgaben der jüdischen Geschichtsschreibung JOSEF MEISL I ZIELE UND AUFGABEN DER JÜDISCHEN GESCHICHTSSCHREIBUNG Aus der Darstellung der jüdischen Geschichtsschreibung (Heft 5) ging mit aller Deutlichkeit das Unzureichende der bisherigen Versuche hervor! Daraus erwächst die Aufgabe, einen Weg zu suchen, auf welchem mit Hilfe des modernen historischen Denkens auch die jüdische Historiographie eine Wandlung erfahren kann* Der erste Schritt zu einer solchen Neuorientierung müßte in einer Periodisierung der Geschehnisse bestehen, wie das etwa Lamprecht auf induktivem Wege hinsichtlich verschiedener Kulturgebiete getan hat. Es kann sich dabei weder um eine blinde Unterwerfung unter die Lamprechtsche Geschichtsauffassung, noch um eine mechanische Uebertragung seiner Methoden auf die jüdische Geschichte handeln. Sie sollen uns lediglich als Ausgangspunkt dienen, wobei individuelle Momente gebührende Berücksichtigung finden müssen. Obwohl Lamprecht die die Zeitalter beherrschenden psychischen Gesetze als „psychische Mechanik" bezeichnet, von „Gesetz der Entwicklung", „Potenz der Entwicklung", „immanenter Entwicklungstendenz", „innerem Entwicklungstrieb" spricht, so muß er doch in jeder Volkskultur Abweichungen von dem „Normalverläuf" anerkennen und zugestehen, daß von der „typischen Form der psychischen Struktur, der typischen nationalen Entwicklung, die jeweils auftretende Wirklichkeit zu unterscheiden ist, wie die inhaltliche Besonderheit individueller Lebensläufe von der ihnen gemeinsamen Form biologischer Entwicklung". Für die jüdische Geschiclfte besteht außer den Abweichungen, die sich von dem typischen Geschichtsverlauf bei jedem Volke finden, z. B. durch räumliche Beeinflussungen (Klima, Bodenbeschaffenheit, geographische Lage u. s. w.) durch den Verkehr der Völker etc., noch eine Besonderheit von geschichtlicher Tragweite, nämlich die, welche aus der Tatsache der Zerstreuung fließt. Dieser Prozeß, der mit dem babylonischen Exil beginnt, und nicht, wie gewöhnlich angenommen wird, mit der zweiten Tempelzerstörung, hat die für die Beurteilung der jüdischen Geschichtsentwicklung bedeutungsvollste Zäsur geschaffen. Nur bis dahin konzentriert sich der Geschichtsverlauf auf einem geschlossenen Territorium in bestimmten, trotz aller Besonderheiten der normalen Entwicklung ähnlichen Stadien, während für die jüdische Diaspora-Geschichte Periodisierungen zunächst nur in ihren Teilentwicklungen innerhalb der einzelnen Niederlassungen der Juden in Frage kommen. Die Diaspora-Geschichte muß vor allem aus der eigenartigen Relation zwischen Jüdischem und Nichtjüdischem erschlossen werden, Dies vorausgeschickt, könnte die jüdische Geschichtsschreibung in der vorexilischen Zeit etwa folgendermaßen die Entwicklung zeichnen. Der Schauplatz der ältesten Geschichte des jüdischen Volkes, durch seine geographische Lage zwischen Babylonien, Aegypten, der Mittelmeerküste und Kleinasien allerlei Einflüssen offen, war zunächst zu einer rezeptiven Rolle ausersehen. Fremde und heimische Schöpfungen verbanden sich zu