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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 540

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
540 (sequence 17)
Language
German
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IRI
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540 Benzion Rubstein: Dorf in die Stadt, wenn der industrielle Wiederaufbau beginnt, wird in der ersten Zeit kein besonders starker sein. Infolge der Agrarreform ist die Überschußbevölkerung des russischen Dorfes, insbesondere im Bereich des ehemaligen Ansiedlungsrayons, verschwunden. In diesem fruchtbaren Rayon besitzt die bäuerliche Bevölkerung genügend Land. Die Tätigkeit der Räteregierung für die bäuerliche Bevölkerung hat dazu geführt, daß ihre beiden sozialen Gegenpole, der Kulak (reiche Bauer) sowohl als auch der land- und inventarlose Häusler verschwunden sind. Das russische Dorf setzt sich gegenwärtig zumeist aus dem Mittelbauerntum (Seredniatschestwo) zusammen. Der Zug vom Dorfe in die Stadt wird weiter dadurch in gewissem Maße abgeschwächt werden, daß die letzte Landverteilung in einer verhältnismäßig kurzen Zeit — im ganzen 9 Jahre — durchgeführt wurde und die bäuerliche Masse beim Verlassen des Dorfes und der Dorfwirtschaft sehr vorsichtig sein wird in der Furcht, bei der nächsten Landverteilung das Recht auf Land zu verlieren. Bei dieser Lage wird die neu entstehende Industrie in der ersten Zeit auf die städtische Bevölkerung angewiesen sein, d. h. für den ehemaligen Ansiedlungsrayon vor allem auf die jüdische städtische und kleinstädtische Armut. Und wie weit sich auch das Dorf in der ersten Periocie des industriellen Wiederaufbaus mit der neu entstehenden Industrie beschäftigen wird, Arbeitskräfte wird es im großen und ganzen dank seiner besseren ökonomischen Situation und seinen im Verhältnis gegen früher gestiegenen Forderungen nicht liefern können, da es mit der hungernden jüdischen Armut in Bezug auf das Lohnminimum im Gegensatz zu der Vorkriegszeit nicht mehr konkurrieren kann. Daher werden in der Ukraine mit ihrer ökonomisch gutsituierten Bauernschaft günstige Bedingungen für das Eindringen der jüdischen Masse in die Industrie geschaffen. Ein bedeutender Teil des jüdischen Menschenüberflusses kann in ihr Verwendung finden. Aber es wäre irrtümlich zu meinen, daß die neuentstehende Industrie diese Frage vollständig lösen wird. Das ausländische Kapital wird zum industriellen Wiederaufbau sehr bedachtsam schreiten. Wenigstens in der ersten Zeit wird dieser Prozeß sehr langsam verlaufen. Dazu wird wahrscheinlich hoch der industrielle Wiederaufbau in jenen Wirtschaftszweigen einsetzen, für welche die jüdischen Massen am wenigsten vorbereitet sind (Klein- und Mittelindustrie), in denen ihre Anwendung daher erschwert sein wird. Die große Ueberschußmasse kann deshalb nicht aui den Augenblick warten, in dem ihre Arbeitskraft wieder Anwendung findet. Für sie eröffnen sich jetzt nur zwei Wege: Entweder in der allernächsten Zeit in den Rätereichen selbst Arbeit zu finden (denn eine Auswanderung ist faktisch unmöglich) oder Verschärfung des Aussterbens, das jetzt schon katastrophale Formen angenommen hat. Es ist aber durchaus möglich, für eine große Zahl Juden Arbeitsplätze

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