Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 539

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
539 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101185-3107219--5405-3107258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— -uage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven 539 aus« Das ausländische Kapital wird sich natürlich nicht mit Import ländischer Industrieprodukte begnügen, sondern wird in einiger „Zeit beginnen, in der neugeschaffenen Kolonie am Aufbau der heimischen Industrie mitzuwirken, um den natürlichen Reichtum der Räteteiche auszunützen. An diesem Geschäft werden sich insbesondere die Kapitalien jener Länder beteiligen, die ungünstige Importbedingungen für Räterussland aufweisen und die daher nicht imstande sein werden, auf dem russischen Markt mit dem Kapital begünstigterer Länder zu konkurrieren. Der wirtschaftliche Friedensschluß mit Europa führt unvermeidlich zum Aufbau der russischen Industrie und zwar nicht nur zu dem der Urproduktion, sondern auch der Fertigindustrie. Und hier erhebt sich die Frage: wird der jüdische JWenschenüberschuss eine Verwendung seiner Arbeitskraft in den neu entstehenden Industrien der Rätereiche finden? Bürgerkrieg und mißlungene Sozialisierungsversuche der Räteregierung haben die frühere russische Industrie völlig ruiniert Die chronische industrielle Krisis, der unerhört niedrige industrielle Arbeitslohn, der nicht einmal das äußerste Existenzminimum sichert, die Agrarreform, die jedem Bauern, der sich bis 1918 mit Landwirtschaft beschäftigt hat, das Recht auf einen Bodenanteil in * seinem ständigen Wohnsitz gab, haben dazu geführt, daß die industriellen Arbeiter bei der ersten Gelegenheit die Stadt verließen und im Dorfe Zuflucht suchten* Das russische Proletariat besteht zum größten Teil aus Arbeitern, die noch eine innige ökonomische Verknüpfung mit dem Dorfe aufweisen. Dort hatte der Arbeiter eine Hütte, ein Stück Land, das vorwiegend von seiner Familie bearbeitet wurde, und so, als faktischer Bewohner des Dorfes und Glied der ländlichen Bevölkerung, hatte er ein unzweifelhaftes Recht auf Landzuteilung. Und wenn es den Arbeitern nicht gelang, sich von der Zwangsarbeit zu befreien und in das Dorf zu entkommen, so haben doch ihre Familienmitglieder Bodenanteile erhalten. Unmittelbar nach Abschaffung der Zwangsarbeit wird auch der größte Teil dieses Restes industrieller Arbeiter die Stadt verlassen. In der städtischen Industrie wird und will nur jener Teil des russischen Proletariats verbleiben, der jede ökonomische Verbindung mit dem Dorf gelöst hat. Aber auch nicht alle. Ein Teil dieser rein städtischen Industriearbeiter hat ein Mittel gefunden, sich von der städtischen Zwangsarbeit zu befreien, indem er Ägrarkommunen. und landwirtschaftliche Genossenschaften bildete, die von der Räteregierung kräftig unterstützt wurden. Aut diese Weise konnten sie nicht nur die Stadt verlassen, sondern auch von der Regierung Bodenanteile und Inventar zum Zweck des Übergangs zur Landwirtschaft erhalten. Gerade dieser Zug von der Stadt auf das Land war es, der die städtische Bevölkerung der Rätereiche dezimierte und der s°gar die hochqualifizierte Arbeiterschaft ergriff. Alle Bemühungen der Regierung, die Facharbeiter aus dem Dorf herauszulocken, sind erfolglos geblieben. Die Rätereiche haben daher eine sehr kleine industrielle Reservearmee ft*r den Aufbau der städtischen Industrie, bereit. Auch der Rückzug vom 35*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.