Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 538 (sequence 15)
- Language
- German
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538 - Benzion Rub stein: Da die internationalen Handelsbeziehungen vor allem den Bauern zugute kommen, ihre Einkünfte und damit ihre Kautkraft steigern werden, wird sich die ökonomische Lage der Händlerklasse verbessern, die Nachfrage nach kommerziellen Leistungen steigen. Dennoch ist der Handel, vor allem der Kleinhandel, keine sichere jüdische Einnahmequelle. Die jüdische Wirtschaftsgeschichte des früheren russischen Reiches hat auf das klarste bewiesen, daß die nichtjüdische Bevölkerung dazu tendiert, zum Handel auf Kosten der Juden überzugehen und zwar insbesondere zum Kleinhandel, der den letzten Konsumenten versorgt. Schon 1897 haben die Händler nur mehr 3i°/0 der ganzen ökonomisch selbständigen jüdischen Bevölkerung gebildet. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Verdrängung der Juden aus dem Kleinhandel sich bei der Wiederkehr der früheren ökonomischen Bedingungen eher noch verstärken wird. . Dazu hat Krieg und Bürgerkrieg viel beigetragen. Der Krieg hat das ganze Land militarisiert, einen großen Teil der Bauern von der Scholle abgetrennt. Sie sind zum Teil von ihrer Schollenbindung, ihrer ökonomischen Unbeweglichkeit befreit worden, die der russischen Bauernschaft noch mehr wie der anderer Länder eigentümlich war. Sie sind durch alle diese Umstände stärker befähigt worden, zum Handel überzugehen. . Und tatsächlich ist zu sehen, daß in der Revolutionszeit mit ihren Ernährungsschwierigkeiten die gewesenen Soldaten den Hauptteil der sogenannten Hamster (Meschotschnitschestwo) bildet. Sie waren die einzigen, die in ihren Traglasten Nahrungsmittel von einem Ende Rußlands zum anderen führten. Ihre Eigenschaft als Soldaten der kämpfenden Armee, Gefangene oder Invaliden, hat ihnen in viel größerem Maße als den übrigen Bürgern die Benützung der spärlichen Transportmittel ermöglicht und damit geradezu eine Monopolisierung des Sackhandels. Mit dieser neu gewonnenen Handelseigenschaft hat sich jenes Element zurück ins Dorf begeben und hat als Bauern dank der Agrarreform einen neuen Landanteil erhalten. Es ist unzweifelhaft, daß es sich bei der ersten Gelegenheit wieder auf die Ausnützung seiner Handelsfähigkeiten und -kenntnisse verlegen wird. Auf dem Gebiet des Kleinhandels wird diese Konkurrenz den Juden sehr gefährlich, weil sie mit dem Konsumenten in kultureller, sprachlicher und religiöser Gemeinschaft lebt. Dieser Umstand wird ihr den Markt gewinnen und die jüdische Konkurrenz überwinden helfen. Der Verdrängungsprozess der jüdischen Massen aus dem Handel und insbesondere aus dem Kleinhandel, der unsere Wirtschaftsgeschichte in den letzten Jahrhunderten durchzieht, wird sich in den ökonomisch wiederaufgebauten Rätereichen, vor allem in der Ukraine, verschärfen. Das verdrängte Händlerelement bedeutet eine weitere Vergrößerung des Menschenüberschusses. Der Handel wird darum auf längere Zeit hinaus eine stete Ursache der Bildung eines Bevölkerurigsüberschusses sein.