Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 537 (sequence 14)
- Language
- German
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Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven Kompromisse geschlossen, die eine ernste und dauerhafte Verknüpfungihrer Wirtschaft mit dem internationalen Kapital ermöglichen sollen* Andrerseits hat auch die europäische und amerikanische Bourgeoisie die Ueberzeugung gewonnen, daß die Wiederkehr normaler Wirtschaftsverhältnisse unmöglich ist, solange in Osteuropa chaotische wirtschaftliche Zustände. herrschen, solange die Ostländer und besonders die Rätereiche nicht eine gewisse Kaufkraft wiedererlangt haben. Es hat darum eine beträchtliche Annäherung zwischen der Räteregierung und der europäisch-amerikanischen Bourgeoisie stattgefunden. Der Tag ist nicht fern, an dem das ausländische Kapital, die erwünschten Bedingungen für seine Betätigung in den Rätereichen erlangen und wirklich zu arbeiten beginnen wird. In den Verhandlungen mit dem ausländischen Kapital stellen die Räteregierungen den schwächeren Teil dar: sie sind Händler auf Borg. Sie werden deshalb der internationalen Bourgeoisie beträchtliche Vergünstigungen einräumen müssen. Die Rätemacht wird kaum in der Lage sein, die Interessen der heimischen Staatsindustrie und insbesondere der Kleinindustrie zu vertreten. Im gegenwärtigen Moment ist das auch wirtschaftlich unmöglich. Die Bevölkerung benötigt dringend Fabrikate der ausländischen Industrie und dabei ist sie stark verarmt. Die einzige Aufbauarbeit wird daher darin bestehen, ausländische Industrieprodukte ohne Rücksicht auf die Entwicklung der heimischen Industrie den breiten Massen zugänglich zu machen. Unter solchem Aspekt müssen die Entwicklungsmöglichkeiten der jüdischen Wirtschaft betrachtet werden. Die ökonomischen Beziehungen mit Europa und Amerika, die den Rätereichen einen großen Zufluß von Nahrungsmitteln, Kleidung und Produktionsmitteln bringen, werden der Masse der bäuerischen Bevölkerung die Möglichkeit des Wiederaufbaus geben, werden aber der stärkste Schlag für die Kleinindustrie sein, in der sich die jüdischen Prodüzentenmassen betätigen. Das soll natürlich keineswegs den vollständigen Untergang, des jüdischen Handwerks bedeuten. Das Handwerk, und besonders das jüdische, hat sich lebens- und kampffähig auch in den Ländern mit überwiegender Großindustrie bewiesen. Auch in den Rätereichen wird das jüdische Handwerk nicht ohne weiteres den Importfabrikaten der Großindustrie das Feld räumen, ganz gewiß dann nicht, wenn die jüdische Gesellschaft mit Kredit für Produktionsmittel und dgl. zu Hilfe kommen wird. Aber dennoch wird die mehr oder weniger freie Einfuhr ausländischer Waren, das Fehlen von Schutztarifen für die heimische Industrie, besonders die Kleinindustrie, die Entwicklungsmöglichkeiten stark hemmen und die betreffenden Produktionszweige werden einen Teil ihrer Aufnahmefähigkeit für die jüdischen Massen verlieren. Auch in den wiederaufgebauten Rätereichen wird daher die judische Kiemindustrie und das Handwerk ohne Zweifel nicht besonders aussichtsreich sein; keinesfalls werden diese Wirtschaftszweige von irgendwelcher Bedeutung für die Unterbringung der jüdischen Ueberschußbevölkerung sein können. Heft 9 35