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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 536

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
536 (sequence 13)
Language
German
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536 Benzion Rübstein: die allgemeine Auswanderung vor verschlossenen Türen und es besteht keine Hoffnung, daß diese Lage in der nächsten Zukunft günstiger wird. Wir suchen gegenwärtig fieberhaft nach neuen Emigrationsmöglichkeiten. Unser Blick ist dabei ausschließlich auf Argentinien und Brasilien gerichtet. . Aber da wir die wirtschaftliche Lage dieser Emigrationsländec. genau kennen, ihre Bevölkerungsdichte und ihre Aufnahmsfähigkeit, insbesondere für die jüdische Wanderbewegung, die nur einen geringen Teil landwirtschaftlicher Elemente enthält, wissen wir, daß der Teil der jüdischen Emigration, den sie fassen können, verschwindend klein ist. Die schwere Bürde der Arbeitsunfähigen und der Arbeitsbehinderten wird gewiß durch die blutsverwandtschaftliche Emigration (Eltern zu Kindern, Frauen zu Männern u. dgl.) etwas erleichtert werden, die auch in der nächsten Zukunft in den alten Emigrationsländern erlaubt sein wird. Eine große Erleichterung ist aber von ihr nicht zu erwarten und das besonders in den Pogromgegenden der Ukraine, die in den Jahren vor dem Krieg infolge ihrer kräftigen ökonomischen Entwicklung einen Anziehungspunkt für die jüdische Binnenwanderung bot und sich an der Emigration in geringerem Maße als die übrigen Länder beteiligt hat. Zu solchen Teilen der Ukraine zählen das Chersoner, Jekaterinoslawer und Taurier Gouvernement. Die blutsverwandtschaftliche Emigration aus diesen Gegenden wird bedeutend kleiner als die aus anderen sein. Die Emigration wird also keineswegs in einem bedeutenden Maß in nächster Zukunft die Frage der jüdischen Ueberschußbevölkerung in den Rätereichen lösen können. Zwei Möglichkeiten wirtschaftlicher Entwicklung eröffnen sich den jüdischen Massen dieser Länder in der bevorstehenden Periode des Wiederautbaus: Entweder wird die gegenwärtige Ueberschussbevölkerung Anwendung ihrer Arbeitskraft finden dadurch, daß die Kaufkraft in den bisherigen jüdischen Wirtschaftszweigen steigt und dadurch, daß die Juden in größerer Anzahl neue Wirtschaftszweige okkupieren, oder — das Rad unserer ökonomischen Geschichte wird sich zurückdrehen zu den Zeiten Derschawins (Wende des XVIII. zum XIX. Jhdt), als die unsägliche Not der jüdischen Massen sogar einem Judenfeind vom Range des Senators Derschawin naheging und die jüdische Armut als eine ernste Staatsgefahr betrachtet wurde, die dringender Abhilfe bedürfe. Dann werden wir auch in den ökonomisch wiedergekräftigten Rätereichen zu Hungersnot und physischem Aussterben verurteilt sein, gleichwie in den Zeiten des Bürgerkriegs und der Revolution. Wir wollen nunmehr den Versuch machen, die wahrscheinliche wirtschaftliche Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den Rätereichen zu skizzieren. Die Räteregierungen haben schon lange anerkannt, daß der Wiederaufbau nicht ohne Hilfe des ausländischen Kapitals geschehen kann. Nunmehr aber haben sie die weitere Konsequenz gezogen, daß ein längeres Zuwarten mit dem Wiederaufbau unmöglich ist, weil das Land bis an den Rand des Ruins gebracht wurde. Sie haben daher die nötigen politischen und ökonomischen

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