Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 535 (sequence 12)
- Language
- German
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D{e ökonomische Lage der Juden In der Ukraine und ihre Perspektiven ,53g jene Möglichkeiten, die ihnen die allgemeine Agrarpolitik und die Gesetzgebung der Räteregierung geschaffen hat. In kurzer Zeit sind Hunderte jüdisch-landwirtschaftlicher Produktivgenossenschaften ins Leben getreten. In einer großen Zahl von Städtchen sind die Grundlagen für neue jüdischlandwirtschaftliche Siedlungen geschaffen worden. Um so bewundernswerter ist dieses Werk, weil es eine ökonomisch ruinierte, physisch und psychisch zerrüttete Bevölkerung unter sehr ungünstigen ökonomischen Bedingungen zuwege brachte. Es ist ein Resultat der Verzweiflung, des drohenden Hungertodes, der die jüdischen Massen zwang, auf die schwersten und gefahrvollsten Bedingungen hin ökonomische Rettung zu suchen. Nur die Verbreiterung der Grundlagen jüdischer Oekonomik hat es einer großen Zahl von Pogromflüchtlingen in den Großstädten ermöglicht, in ihre zerstörten Städtchen zurückzukehren, die nunmehr auf neuer, ökonomisch gesünderer Grundlage aufgebaut werden, in denen die Landwirtschaft als Haupt- und Nebenbeschäftigung einen sehr bedeutenden Platz einnimmt Aber es muß darauf hingewiesen werden, daß diese neue Tendenz der kleinstädtischen jüdischen Wirtschaft, die Zehntausende vom Hungertod gerettet hat, keineswegs die genügende Aufmerksamkeit in der jüdischen Gesellschaft fand. Wer kann die Zahl jüdischer Hungeropfer angeben, die man hätte retten können mit einer ganz geringfügigen Hilfe, die ihnen die Beschaffung eines kleinen Stück Landes ermöglichte? Und wer weiß, ob nicht die Zahl jüdischer Hungeropfer, die durch unsere eigene Gleichgültigkeit und durch unser Politikantentum gefallen sind, größer ist, als die Zahl der Opfer der ökonomischen Politik der Räteregierung, die sich um die Lebensbedingungen der jüdischen Armut nicht bekümmerte? Oekonomische Zerrüttung, Menschenüberfluß, ein größer Teil der Bevölkerung nur beschränkt arbeitsfähig — in solchem Zustande befinden sich die jüdischen Massen im Augenblick, da die Rätereiche die Schwelle des wirtschaftlichen Wiederaulbaus überschreiten. Um unsere Wunden zu heilen, ist bei weitem nicht genug, daß die Arbeitsproduktivität sich vergrößert, der Arbeitslohn steigt und der Arbeiter wenigstens in der Arbeitsaison sich das gesellschaftliche Existenzminimum sichern kann und nicht gezwungen ist, die Arbeitskraft seiner minderjährigen und schwachen Familienmitglieder auszubeuten, um wenigstens die Hungerration zu erarbeiten. Solange die jüdische Bevölkerung sich nicht ihres ungeheuren Ueberschusses entledigen kann, solange die Zahl der minder Arbeitsfähigen nicht gefallen ist, kann keine Rede von der Wiederfindung des Gleichgewichts der jüdischen Wirtschaft in den Rätereichen, im besonderen in der Ukraine sein. Aber kann das geschehen und wie kann das geschehen? Vor dem Kriege hat sich die jüdische Bevölkerung des Russischen Reiches gleich allen andern Völkern Osteuropas ihres Ueberflusses durch Emigration nach Amerika entledigt. Dieser wichtige Regulator ist für uns vorläufig verloren. Die jüdische Auswanderung sieht sich noch mehr wie