Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 530 (sequence 7)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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530 Benzion Rubstein: Jahres 1920 und man kann mit Sicherheit behaupten, daß sich die Zahl der jüdischen Händler von Beruf im Verlauf der letzten 2 Jahre weiter vermindert hat. Es versteht sich, daß Odessa in dieser Beziehung keine Ausnahme ist. Ungefähr ähnlich verhält sich die Lage auch in den übrigen größeren jüdischen Zentren. Aber auch in der kleinen Stadt und im Dorfe, wo der Handel vor dem Kriege den Hauptzweig der jüdischen Wirtschaft bildete und fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung nährte, hat sich die Lage nunmehr stark geändert. Die Pogrome nötigen die Juden, die Dörfer vollkommen, die kleinen Städte in bedeutendem Maße zu verlassen. Ohne Rücksicht auf ökonomische Bedenken ist die jüdische Bevölkerung aus den Dörfern und aus vielen Städtchen in die größeren jüdischen Zentren geflüchtet, wo - die Pogromgefahr geringer war. So übten die aussterbenden Großstädte der Ukraine, früher industrielle und Handelszentren, eine starke Anziehungskraft, die ökonomisch unmotiviert war, auf die jüdischen Massen des flachen Landes aus. Die großstädtische Konzentration der Juden ist eine der krankhaftesten Erscheinungen des Wirtschaftslebens der jüdischen Masse in der Ukraine, weil die zugewachsenen jüdischen Bevölkerungsmengen in den ruinierten Großstädten keine Fortsetzung ihrer bisherigen Tätigkeit, hauptsächlich Kleinhandel, finden können, aber auch keine Beschäftigung in anderen Wirtschaftszweigen. Die Großstadt, in der die jüdischen Massen Schätz vor Pogromen suchten, hat die zugewanderten Massen von Heimlosen in noch stärkerem Masse als die Ansässigen zu Arbeitslosigkeit und Hungertod verurteilt. Unter dem Druck des Hungers streben diese Massen zurück auf das Dorf und in die kleinen Städte. Das gelingt aber nur einem kleinen Teil, weil erstens das Banditenunwesen noch nicht verschwunden ist und sich die kleinen jüdischen Gruppen in den Städtchen in der bäuerlichen Umgebung nicht sicher fühlen können, zweitens aber — und das ist der Hauptgrund — weil sich die -Aufnahmsfähigkeit des Dorfes und der kleinen Stadt katastrophal vermindert hat: Die gefallene Kaufkraft der bäuerlichen Massen hat die Nachfrage nach Händlern und Handwerkern verringert, also nach den beiden Elementen, aus denen sich die jüdische Bevölkerung des flachen Landes zusammensetzt. Die Rückkehr - in diese Berufe ist daher nur für eine beschränkte Zahl der jüdischen Flüchtlinge möglich. Man kann diesen wirtschaftlichen Prozeß auf folgende Weise formulieren: Krieg, Bürgerkrieg und Revolution haben einen Teil der jüdischen Bevölkerung' wirtschaftlich freigesetzt. Die Pogrome haben diese freigesetzten Massen aus den kleinen Siedlungen in die Großstädte getrieben, wo sie einen schweren Ballast für die hungernde jüdische Bevölkerung der Großstädte darstellen. Auch im kleinbürgerlichen Milieu des Handwerkerstand Unternehmers hat sich gegenüberder Vorkriegszeit viel verändert. Die Maschinen des jüdischen Handwerkers und kleinen Fabrikanten sind stark abgenützt, teilweise gänzlich zerbrochen, und infolge der Zerrüttung der russischen Großindustrie und der Isolierung von Europa sind Reparaturen und Neuanschaffungen unmöglich geworden. Auf diese Weise ist es auch dem kleinen Teil von