Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 531

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
531 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101175-3101185-3107219--5397-3107250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven Handwerkern und Fabrikanten, der von Konfiskation, Requisition und „Zwangskonzentration" verschont geblieben ist und finanzielle Möglichkeiten besitzt, unmöglich geworden zu produzieren. Aber dieser Typus stellt eine glückliche Ausnahme dar. Der größte Teil der jüdischen Handwerker, auch jene, die keine fremde Arbeitskraft ausbeuten, sind durch die ökonomische Ger setzgebung der Räteregierung und durch die administrative Praxis der lokalen Machthaber ökonomisch ruiniert, ihre Werkzeuge konfisziert und requiriert. Schlimmer ist noch die Lage der jüdischen Handwerker und Kleinindustriellen in den Pogromgegenden. Bei ihnen ist oft nicht einmal eine Spur ihrer Unternehmungen übrig geblieben. Ihre materielle Lage ist so, daß sie nicht einmal im Traum an eine Wiedergewinnung ihrer ökonomischen Selbstständigkeit denken können. Diese ökonomischen selbständigen und produktiven Massen, die vor dem Krieg einen bedeutenden Teil der jüdischen Bevölkerung Rußlands bildeten, sind durch die ökonomische Zerrüttung und Gewaltpolitik proletarisiert,- ihrer Produktionsmittel beraubt worden. Sie wurden aber auch nicht als Lohnarbeiter in den Wirtschaftsprozeß wieder eingestellt. Sie blieben zum größten Teil außerhalb des Wirtschaftsprozesses arbeitslos und dadurch wurde das schwache ökonomische Leben der „jüdischen Gass'" noch mehr desorganisiert. De jure müßte diese zahlreiche Gruppe von der Räteregierung erhalten werden. De facto ist diese dazu nicht imstande. Gegenwärtig befindet sich dieses Ueberbleibael von Pogromen, Krieg und Bürgerkrieg im Aussterben und die zahlreichen Versorgungsanstalten für Arbeitsinvaliden in den Rätereichen sind nur ein geringer Schutz gegen dieses Schicksal. Mit. dieser Lösung der jüdischen Invalidenfrage in den Rätereichen kann sich aber unser Volksgewissen nicht zufrieden geben. Zugleich mit den ersten Schritten der ökonomischen Aufbauarbeit wird sie entschieden werden müssen. Sie kann aber nur durch solche Mittel gelöst werden, die teilweise gerade die unselige ökonomische Selbsttätigkeit antasten. Man wird Arbeitsformen finden müssen, in die sich auch die Invalidengruppe einfügen kann. Eine solche Lösung ist nicht bloß rationell unter ökonomischem und sozialem Aspekt, sondern auch darum die einzig mögliche, weil nach Maßgabe unserer Kräfte die ökonomisch ruinierten jüdischen Massen unmöglich die Erhaltung dieser großen Schar von Arbeitsinvaliden werden auf sich nehmen können. In einer Beziehung hat die Räteregierung die ökonomische Basis der jüdischen Massen verbreitert. Unter ihr wurde ein breiter Zugang zu Regierungs- und gesellschaftlichen Aemtern eröffnet, die einen bedeutenden Teil der jüdischen Bevölkerung ernährten. Aber auch in der Blütezeit, in dem Augenblick der größten Anschwellung des Beamtenkörpers in den Rätereichen, hat nur ein kleiner Teil von jüdischen Arbeitslosen seine Kräfte in den erwähnten Wirtschaftszweigen verwenden können. Der größte Teil des jüdir sehen Menschenüberflusses blieb nach wie vor zur Arbeitslosigkeit mit allen ihren Folgen verurteilt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.