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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 529

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
529 (sequence 6)
Language
German
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Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven die jüdischen Regierungsangestellten haben ihre Posten verloren und sind arbeitslos geworden. Trotzdem verkleinert sich die jüdische Sterblichkeitsziffer sofort nach dem Abzug der Rätemacht bedeutend. Die kurze Räteherrschaft in Odessa im Jahre 1919 konnte keinen tiefen Einfluß auf die jüdische ökonomische Situation haben. Nur in den ersten Monaten nach dem Abzug der Räteherrschaft ist die jüdische Sterblichkeitsziffer noch erhöht, danach fällt sie wieder auf die Normalzahl, obzwar auch diese noch die Zahl der Geburten um das Doppelte übersteigt. Krieg, Bürgerkrieg und Revolution haben die ökonomische Struktur der jüdischen Massen tiefgreifend verändert. Schon jetzt sind wir im Gebiete der Räteregierung nicht mehr das, was wir vor dem Kriege waren. Die Kaufkraft der Rätereiche hat sich durch die allgemeine ökonomische Zerrüttung bis am ein Minimum verkleinert und zwar nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Dorf. Das Dorf führt jetzt auch in seinen reicheren Teilen vorwiegend Naturalwirtschaft. Die arbeitsteiliger entwickelten Bauernwirtschaften haben begonnen, eine ganze Anzahl von Gegenständen, die man vor der Revolution zu kaufen pflegte, selbst zu produzieren. Auch in den reichen Gegenden trinkt der Bauer Kümmel, den er selbst hergestellt hat, trägt er Kleider, die er oder sein Hausgesinde gesponnen, gewebt und genäht haben. Fast wie im Zustande der Naturalwirtschaft kauft der Bauer beim Händler ausschließlich Gegenstände, die er allein unmöglich produzieren kann. Unter solchen Umständen sind natürlich nicht viel, Möglichkeiten für eine Entwicklung des Handels, auch des kleinen Handels, gegeben. Der jüdische Handel ist aus diesen Gründen in den Rätereichen stark zurückgegangen. Dabei ist aber vor einem Irrtum zu warnen, den viele oberflächliche Beobachter des jüdischen Lebens in Rußland und in der Ukraine begangen haben. Besucht man die Handelsplätze in den Städten der Rätereiche, so hat man den Eindruck, daß alles handelt und besonders die Juden. Man verfällt - in diesen Fehler, weil man auf dem Markte Tausende von Arbeitslosen vor sich sieht, die sich dort herumdrücken, um irgend ein Geschäft zu machen. In Wahrheit ist natürlich für jedermann, der sich mit ökonomischen Fragen, wie intensiv immer, beschäftigt hat, klar, daß der Handel ein Produkt differenzierter Wirtschaft ist und sich in direkter Abhängigkeit von der ländlichen Kaufkraft befindet. Wir besitzen leider keine genauen statistischen Angaben über diese Frage, aber die wenigen Ziffern, die uns für das größte jüdische ökonomische Zentrum in der Ukraine, .Odessa, zu Gebote stehen, bestätigen statistisch unsere Meinung. Nach, der Zählung des Jahres 1920 waren in Odessa ^706 Juden, oder ungefähr 20% von der ganzen jüdischen ökonomisch tätigen Bevölkerung, d. h. einer die irgend eine Beschäftigung hatte, im Handel beschäftigt, während im Jahre 1897 32,6 °/o der gleichen Bevölkerungsschichte Handel trieb. Die Zahl jüdischer Händler hat sich im Verlaufe dieser 23 Jahre um fast 40% verkleinert. So war die Lage zu Beginn des

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