Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 526 (sequence 3)
- Language
- German
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- Odesa 2× ep/1000834
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5^6 B e n % i o n R u bs te i n : der noch nicht völlig seine Verbindung mit dem Dorfe gelöst hat. Auf solche Weise ist die nichtjüdische Stadt untergegangen. Aber die jüdische Stadt, die wirtschaftlich in keiner Weise auf dem Dorfe basiert und. die auch keinerlei verwandtschaftliche Verbindungen mit der ländlichen Bevölkerung aufweist, hatte nur eine einzige Möglichkeit, sich ihrer Zuschussbevölkerung zu entledigen — einfacher physischer Untergang. Diese einzige Möglichkeit wurde in furchtbarem Ausmaße realisiert Es trat nichts von der vielgerühmten jüdischen Anpassungsfähigkeit und Widerstandskraft in Erscheinung, dank welcher wir Juden uns in der tausendjährigen Galuth durch Feuer und Schwert, durch Hunger und Elend hindurch erhalten haben. Es begann eine mörderische Ausrottung der jüdischen Bevölkerung in den Rätereichen. Myriaden fielen dem Hungertod zum Opfer. Man kann dieses Sterben an Umfang allein mit den Jahren großer Seuchen in der Vergangenheit vergleichen, in denen die Menschheit unkundig der sanitären Hilfe noch nicht wußte, wie Seuchen zu bekämpfen seien. Es wird nie gelingen, auch nur ungefähr die Zahl der Juden festzustellen, die in der Zeit des Bürgerkrieges und der Revolution Hungers gestorben sind. Aber eine gewisse Vorstellung davon, wie groß dieses nationale Unglück gewesen, geben uns jene statistischen Mitteilungen, die das Odessaer Gouvernements-Büro für Statistik zur jüdischen Bevölkerungsbewegung in Odessa in dieser Zeit veröffentlicht hat. Nach diesen Mitteilungen gab es im Jahre 1919 in Odessa 7950 jüdische Todesfälle gegenüber 2397 Geburten. Im Laufe eines Jahres ist also in Odessa die jüdische Bevölkerung durch die übermäßige Sterblichkeit um 5553 Seelen verkleinert worden. Diese Sterblichkeit ist ein Resultat der ungünstigen Lebensbedingungen, unter denen sich die „jüdische Gass'" befand. Sie gibt die Opfer des langsamen Hungertodes an. Solches ereignete sich in Odessa, das als selige Insel in dem Meer der Pogrome in der Ukraine bezeichnet werden muß, in jenem glücklichen Odessa, das verhältnismäßig wenig unter Epidemien gelitten hat und in dem die Räteregierung aus taktischen Gründen eine vorsichtigere und mildere ökonomische Politik als anderwärts trieb. Sogar die Arbeitspflicht, die wegen ihrer unmenschlich harten Durchführung in vielen Orten die unmittelbare Todesursache der jüdischen Bevölkerung war, wurde in Odessa erträglicher gehandhabt. Und dennoch 5500 Juden frühzeitig im Leben umgekommen*)! In der Tat, es gibt kaum Pogrome in der Ukraine, die sich hinsichtlich der Zahl ihrer Opfer mit der „friedlichen" Ausrottung der jüdischen Bevölkerung in Odessa vergleichen lassen, die unter der Devise von Gleichheit, Brüderlichkeit und nationaler Gleichberechtigung geschah, darum, weil die Räteregierung -sich in ihrer ökonomischen Politik nicht im mindesten um die Interessen, die Bedürfnisse und die Eigenart der jüdischen Armut bekümmert hat. Wenn in Odessa mit seiner milden ökonomischen Politik und Arbeitspflicht die *) Die Ableitung dieser Ziffer ist unklar, (Anm. d. Uebers,).