Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 525 (sequence 2)
- Language
- German
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Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektr schaftsieben. Aus diesen Gründen erscheint jede Publikation aus diesem Kreise erwünscht — dann besonders, wenn sie weder von einem Nachrlchtensammler außerhalb des Landes, noch von einem in irgend welchen Geschäften, unter anderem auch literarischen, Durchreisenden herrührt, sondern von einem längere Zeit ansässig Gewesenen. Aber gerade die Nähe des Standpunktes, von dem aus ein solcher Gewährsmann urteilt, bringt wieder Gefahren für die wissenschaftliche Objektivität der Untersuchung mit sich. Es wird immer ein Schandfleck aller Wissenschaft bleiben und zugleich der schlagendste Beweis für die Existenz und Uebermacht einer rein bourgeoisen .Wissenschaft, daß sachliche Untersuchungen über russische Verhältnisse seit der bolschewistischen Revolution so gut wie gänzlich fehlen. Und es ist klar, daß der Affekt ihren Wert erheblich trübt Lassen sie sich schon bei der Auslegung und Verrechnung statistischer Daten zu gröblichen, wenn auch nicht bewußten, Mißdeutungen verleiten, so ist leicht zu ermessen, wie wenig man der Objektivität von Erwägungen, die sich nur auf Ziffern stützen, trauen darf. Sich von diesem Fehler nicht freigehalten, eine ökonomische Untersuchung stellenweise mit einem antibolschewistischen Pamphlet verwechselt zu haben, ist ein Vorwurf, der auch den Autor der nachstehend abgedruckten Abhandlung trifft. Die aus dem Manuskript hergestellte Uebersetzung konnte, um auf sachliche Sinnzusammenhänge nicht verzichten zu müssen, nicht alles rein Polemische, das aus dem Rahmen innerjüdischer Politik fiel, streichen. An vielen Stellen hat sie es aber getan und hofft, die Ueberzeugungskraft der Arbeit dadurch nicht gemindert zu haben. Wegen der bereits angedeuteten mißlichen Lage der Publizistik über Rußland bedarf es auch der ehemals überflüssigen Versicherung, daß sich der Uebersetzer mit den Ansichten des Autors in keiner Weise und besonders nicht im prognostischen Teil identifiziert. Erwin Kohn TTTTir Juden sind auch in den agrarischen Ländern ein Stadtvolk und ff diese spezifisch jüdische Getrenntheit vom Boden haben wir in der Zeit der russischen Revolution und des Bürgerkrieges teuer bezahlen müssen. Die Städte bildeten im allgemeinen die erste Feuerlinie des Bürgerkrieges und der Sturz der Revolution drückt sich eigentlich im Untergang der russischen Städte und ihrer Bevölkerung aus. Wie schwer die Städte dafür gebüßt haben, daß sie ihre Kräfte überschätzt und versucht hatten, in Form der Diktatur ihre Hegemonie über das russische Dorf aufzurichten, beweist am deutlichsten das Beispiel von Petersburg, des Horts der russischen Revolution, der Stadt des Hungers. Petersburg, das größte industrielle Zentrum von Rußland, das mehr als 2 Millionen Einwohner gezählt hat, ist durch den Hunger auf der Stufe einer Provinzstadt mit einer Einwohnerzahl von 600000 gesunken, zumeist Rätebeamte und Mobilisierte. Das Bild der übrigen Städte sieht ungefähr gleich aus. Unter diesen Verhältnissen hat selbstverständlich die jüdische Bevölkerung am stärksten gelitten. Aber nicht etwa nur darum, weil wir in den Städten am stärksten konzentriert sind, während von der russischen Bevölkerung nur ein geringer Teil, im ganzen etwa io«/0 in der Stadt lebt, sondern auch, weil wir in der Stadt auf eine spezifische Weise gelitten haben, die aus unserer völligen Abgetrenntheit vom Boden auch in den ausgesprochenen Agrarländern mit Notwendigkeit folgt. Der Entartungsprozess der russischen Stadt hat sich auf zweierlei Weise vollzogen: 1. Ein einfaches physisches Aussterben infolge des mörderischen Hungers; 2. ein Zug „von der hungrigen Stadt in das ein wenig sattere Dorf« jenes Teiles der städtischen Bevölkerung