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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 9 · p. 527

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Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 9
Article
Die ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven
Date
1921-01-01
Page
527 (sequence 4)
Language
German
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Die Ökonomische Lage der Juden in der Ukraine und ihre Perspektiven jüdische Sterblichkeit eine so große war, so*läßt sich leicht denken, wie unermeßlich unser nationales Unglück in den kleineren Punkten der jüdischen Siedlung war, wo lokale Machthaber ohne Kontrolle herrschten und die jüdische Bevölkerung noch weniger widerstandsfähig, ja völlig wehrlos war. Nicht nur das Jahr 1919 brachte der jüdischen Bevölkerung von Odessa solches Unglück. Auch die wenigen Ziffern für das Jahr 1920, die wir besitzen, beweisen, daß dieses Jahr nicht besser, sondern eher schlimmer war. Mir stehen nur Nachrichten über die Bevölkerungsbewegung im Verlauf der Monate Oktober und November zu Gebote und aus ihnen geht hervor, daß auf 2 Geburten 7 Todesfälle, also verhältnismäßig noch mehr als im Jahre 1919 kommen. Man möge keinen Irrtum begehen und annehmen, daß diese Schläge die ganze städtische Bevölkerung gleichmäßig betroffen hat. Auch hier haben wir Juden wieder verhältnismäßig stärker gelitten als jener Teil der christlichen Bevölkerung, der keine Möglichkeit hatte, die Hungerzentren zu verlassen. Um die direkten Wirkungen des Bürgerkrieges auf die Sterblichkeit (Todesfälle durch Verwundung) auszuschalten, haben wir uns in unserer Untersuchung auf die Frauensterblichkeit beschränkt und da zeigten die Nachrichten des Gouvernements-Büros für Statistik, daß die Frauensterblichkeit der jüdischen Bevölkerung um 40 % die der nicht jüdischen überstieg. Aueh 1920, als der Bürgerkrieg schon keinen direkten Einfluß auf die Bevölkerungsbewegung von Odessa ausübte, war die jüdische Sterblichkeit verhältnismäßig größer, als die nichtjüdische. Im Oktober und November kamen auf je 5 Todesfälle nur 2 Geburten. Der Grund hiervon ist sehr einfach. Die nichtjüdische Bevölkerung, die keine Möglichkeit hat, nach dem Dorfe auszuwandern, hat doch mit dem Dorfe gewisse verwandtschaftliche Beziehungen aufzuweisen, während die jüdische Bevölkerung von der ökonomischen Basis des Dorfes getrennt ist. Es wäre sehr wichtig festzustellen, wieviel Opfer der jüdischen Armut gefallen sind, damals, als die Rätemacht, nachdem sie mit dem „Seredniak« (bäuerischer Mittelstand) Frieden geschlossen hatte, ihre Diktatur den Juden gegenüber aufrecht erhielt, obwohl die jüdische Armut ein viel weniger gefährlicher Klassengegner war, als das mittlere Bauerntum. Die einzige Schuld der jüdischen Armut bestand darin, daß sie nicht genügend politisch mächtig war, um Widerstand zu leisten und die Regierung zu Rücksichtnahme zu zwingen. Die Räteregierung hat auf der „jüdischen Gass'" unbegrenzte Macht besessen. Hunderttausende Juden wurden aus ihrer ökonomischen Position herausgeworfen, ihres ständigen Lebensunterhaltes beraubt, ohne Möglichkeit, sich andern wirtschaftlichen Zweigen, die unter der Räteregierung gesetzlich anerkannt sind, zuzuwenden. Sie wurden zu vollkommener Arbeitslosigkeit verurteilt, damit zum Hungertode, und zugleich bestrafte man sie dafür, daß sie keine „nützlichen Bürger" des Landes waren, die „produktive Arbeit" leisten. Und die Arbeitspflicht! Nirgends wurde sie so streng durchgeführt wie auf der „jüdischen Gass'". Man hat die Masse schwacher jüdischer

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