Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Prinzip der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 523 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Prinzip der Assimilation 523 Die Juden waren für den Individualismus schon durch die historische Entwicklung prädestiniert: der Verlust ihres Staatswesens, die Verweisung in das Ghetto, die Ausschaltung aus der lebendigen Entwicklung überhaupt, der Mangel größerer organisierter Verbände rückten im Rahmen der kleinen Gemeinde Tätigkeit und Stellung des Einzelnen ebenso in den Vordergrund, wie wir als maßgebenden Faktor ihres Verhältnisses zur Umwelt den einzelnen- Großen erkannt haben. Die hohe Schätzung der geistigen Betätigung, die zum Maßstab der sozialen Wertung wurde, knüpfte an das Wirken bedeutender Einzelpersonen an. So erschien überall das Individuum, nicht die Gesellschaft, den Juden als der Träger alles Geschehens. Im Zeitalter der Emanzipation trafen nun auf diese Weise die politischen Voraussetzungen mit den wesensgleichen Ideen auf beiden Seiten zusammen: die Juden und ihre Umgebung standen im Zeichen des Individualismus. Erst dieses Zusammentreffen hat die Idee der Assimilation ermöglicht, hat insbesondere die fiktive Vorwegnahme ihres angestrebten Endresultates, die Negierung einer jüdischen Rasse,, hervorgerufen. Nur beim Vorhandensein einer liberalen, d. i. individualistischen Umwelt konnte eine Assimilation den Juden nicht nur opportun und aussichtsreich, sondern auch gut und naturgemäß erscheinen. Einer universalistischen, selbst einer sozialistischen Umgebung wären sie mit begreiflicher Befremdung gegenübergestanden, und von vornherein hätte der Gedanke der Wesensgleichheit nicht entstehen können. Hier liegt der Schlüssel zur Erkenntnis der jüdischen Assimilation, hier die einzige Möglichkeit, diese Bewegung richtig einzuschätzen, ihren Leitgedanken von allen Verschleierungen zu befreien, ihr sittlichen Wert zuzugestehen, freilich aber auch die Notwendigkeit, ihre praktische Undurchführbarkeit festzustellen. Die jüdische Assimilation ist das System der Individualf ör derung und der Ausweitung der Persönlichkeit des Juden im Interesse der Gesamtheit; unmittelbar entstanden und aufs innigste verknüpft mit den politischen und volkswirtschaftlichen Ideen des Liberalismus will sie die Expansion der Einflußsphäre des einzelnen Juden, als deren hauptsächliches Hüfsmittel die Beseitigung aller beengenden Schranken erscheint, ursprünglich nicht etwa ausschließlich deshalb, um dem Juden den Lebensweg zu erleichtern und zu verschönern; sie hat wohl einen ethischen Inhalt, doch dieser bietet sich nur dem Beschauer dar, der ihre Entstehungsgeschichte kennt und den Satz von der sozialen Harmonie, vom freien Spiel der Kräfte vor Augen hat: die Förderung des Einzelindividuums dient einem höheren Zweck, sie ist notwendig zum Wohle der Gesamtheit, d^r nichtjüdischen ebensogut wie der jüdischen. Wer die Assimilationsbewegung gerecht beurteilen will, darf sie nur von diesem Gesichtspunkt aus betrachten; dies ist ihre geschichtliche Rolle, ihre moralische Rechtfertigung, dies erklärt die Höhe der sittlichen Persönlichkeit 34*