Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Prinzip der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 522 (sequence 2)
- Language
- German
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522 Oskar Karbach: ein Zustand sozialer Harmonie herbeigeführt werden. So beseitigte dieses System, obschon von anderen Voraussetzungen ausgehend, ähnlich wie der Merkantilismus zahlreiche Beschränkungen der damaligen Rechtsordnung: die Aufhebung der Untertänigkeitsverhältnisse, die Bauernbefreiung, Berufs- und Gewerbefreiheit, politische Autonomie und schließlich im besonderen Maße der Freihandel sind die Kennzeichen einer neuen Epoche der Wirtschaftsgeschichte, der politisch der Liberalismus entspricht. Daß diese Entwicklung auch die schrittweise rechtliche Besserstellung der Juden vorbereiten half, die seit den frühesten Zeiten ihren bestimmten Platz als qualifizierte Wirtschaftsfaktoren einnahmen, steht außer Zweifel. Wie die Bauernbefreiung, die Aufhebung des Zunftzwanges und die Gewährung der Freizügigkeit, stellt sich uns so auch die allmähliche Gleichberechtigung der Juden nicht lediglich als eine Gabe der durch die gewaltigen geistigen Umwälzungen jener Epoche ethisch geläuterten Machthaber, sondern gleichermaßen als ein Resultat des Wandels der nationalökonomischen Anschauungen und Zustände dar. Diese Ideen beeinflussen gewaltig die Konzeption der jüdischen Assimilation, deren vollständige Erfassung aber noch andere Untersuchungen erfordert. Die Dualität von Individualismus und Universalismus, die Frage, ob die Gesellschaft ein rein mechanisches Konglomerat einzelner Individuen darstelle, die zwar in ihr Verbindungen eingehen, dabei aber selbständig, autark bleiben, oder die spezifische Verbindung der Individuen im Staate, der geistige Zusammenhang etwas über den Individuen Stehendes sei, ist ein Grundproblem der Gesellschaftslehre. Ist die Ursache der Gesellschaft das autonome autarke Individuum oder verdankt es seine geistige Existenz dem Zusammensein mit anderen, so daß der geistige Zusammenhang vieler, die Wechselwirkung der Gesamtheit ein Überindividuelles, die Gesellschaft ein geistiges, ethisches Gebilde wäre? Der Gegensatz zwischen den Weltanschauungen des Universalismus und Individualismus, in seiner Bedeutung für die Gesellschaftslehre hinlänglich festgestellt, ist aber auch von grundlegender Wichtigkeit für die Erkenntnis des jüdischen Problems. Denn das unter dem Sammelnamen der jüdischen Assimilation zusammengefaßte System von Anschauungen und ihren entsprechenden Maßregeln ist individualistisch; wir sehen es erwachsen aus einer Epoche, die im Bann der Smithschen Lehre von der natürlichen Zweckmäßigkeit in der Weltordnung den Satz des „laissez faire, laissez passer", das Dogma des Segens des „freien Spiels der Kräfte" zur Richtschnur nahm. Der naiven Belrachtung erscheint "häufig gerade die jüdische Assimilation mit ihren Schlagworten des Weltbürgertums, der intensiven Mitarbeit an den Problemen der Allgemeinheit als universalistisch; wir werden sehen, daß nichts irriger sein kann: denn äUetn maßgebend ist die Stellung des Individuums der Gesamtheit gegenüber und die Auffassung von den Grundlagen der Gesellschaft.