Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Prinzip der Assimilation
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 521 (sequence 1)
- Language
- German
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OSKAR KARBACH / DAS PRINZIP DER ASSIMILATION Die Schranken, die das Judentum seit dem Beginn seiner Anwesenheit in Europa von den privilegierten Ständen getrennt hatten, waren schon durch die Bevölkerungspolitik: des Merkantilismus weiter gesteckt worden; die Ideen der Aufklärung, das „Industriesystem" des Adam Smith und der diesem politisch entsprechende Liberalismus sollten den Boden völlig ebnen für die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Minorität. Während aber die geistigen Umwälzungen jener Epoche seit jeher eine verständnisvolle und subtile Würdigung in ihrem Einfluß auf das jüdische Geschick gefunden haben, fehlt uns eine auch die volkswirtschaftlichen Motive der Emanzipation genügend berücksichtigende Darstellung unserer Geschichte in jenen Jahren als eines wesentlichen und untrennbaren Teils der allgemeinen Entwicklung, fehlt uns aber besonders die Klarstellung des Leitgedankens der Assimilation, die — eine Summe divergierender Erscheinungen — dennoch vom bewußten, einer wirksamen Antithese bedürfenden Judentum durch ein einheitliches Schlagwort zu dem Range einer ^geschlossenen Bewegung erhoben wurde, und deren Bild halb verächtlich, halb bewunderungswürdig, gleichermaßen mit Zügen ausgeprägter menschlicher Niedrigkeit, wie mit sittlich hochwertigen Eigenschaften ausgestattet, den Nationaljuden zu irritieren und seine Stellung zu ihr unsicher und inkonsequent zu machen imstande ist. Sich und anderen ein objektives, allen Erscheinungsformen gleich gerecht werdendes Urteil über die Assimilation zu verschaffen, ist sohin erste Pflicht jeder nationaljüdischen politischen Theorie. Bahnbrecher und Grundlage des Liberalismus, wie der jüdischen Assimilation sind die Gedanken, die der Lehre von Adam Smith eigentümlich sind. Smith*), der eine natürliche Zweckmäßigkeit der Weltordnung annahm, leitete daraus ab, daß das Individuum der Gesamtheit diene, wenn es seine eigenen Zwecke möglichst ungehindert verfolge. Daher vertrat er in der Wirtschaftspolitik den Grundsatz des „laissez faire, laissez passer«, demzufolge die Staatsgewalt im Interesse der Allgemeinheit jedwede Behinderung des Einzelnen zu unterlassen habe; im freien Wettbewerb aller mögen die wirtschaftlichen Kräfte zum Besten der Gesamtheit angespannt und durch die Entwicklung des Einzelnen m> der „angemessensten und natürlichsten« Weise rv£ hierzu das übersichtliche Büchlein O. S p a n n s : . „Die Haupttheorien der Volkswirtschaftslehre«, in der Sammlung „Wissenschaft und Bildung« Quelle u. Meyer, Leipzig. Heft 9 3*