Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das antike Judentum [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 519 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau: Soziologie 5*9 In den Formen der b'rith glaubt Weber in Weiterführung eines Meyerschen Gedankens (S. 200/01) eine kriegerische (jerusalemitische) und eine friedliche (slchemitische) unterscheiden zu können. Die sichemitische ist der Prototyp einer Speisegemeinschaft mit Jahwe, die jerusalemitische verlangt Zerstückelung des Opfers, zwischen dessen Teilen die sich Verpflichtenden hindurchschreiten und die (in Fällen, die Nordstämme betreffen) als Zeichen für die Aufrufung des Heerbanns umhergesendet werden. Das Fehlen der Speisegemeinschaft mit Jahwe bei den Südstämmen scheidet nach Weber deren reinen Jahwismus entscheidend von der israelitischen Orgiastik. Im Kampfe gegen ihre sexuelle Ausdrucksform, wie sie sich insbesondere bei den Kanaanäern fand, soll der jüdische Sexualkodex entstanden sein, der, weit über eine deisidämonische Behandlung der Sexualsphäre hinausgehend, u. a. jegliche Entblößung, abgelehnt (S. 203 ff.). Sehr - wichtig und treffend ist die Bemerkung (S. 204), daß der Sexualkodex nicht ethisch, sondern rituell gewendet und die materiale Sexualethik Israels „nicht strenger als andere priesterliche Reglementierungen" gewesen sei. Aus dieser Tatsache lassen sich auch gegenwärtig noch sehr viele Erscheinungen der jüdischen Sexualethik erklären; darauf kann aber an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. — Die b'rith, als Grundlage des Verhältnisses von Israel zu Jahwe angenommen, macht notwendig das jüdische Problem der Theodlzee zu einem besonderen schwierigen. Einmal wird der Glaube an Jahwe durch politische Wechselfälle in Frage gesteilt; dagegen kann die Annahme einer dispositionellen Verderbtheit oder die mildere Formulierung, daß vor Jahwe niemand unschuldig sei, helfen. (S, 129.) Viel ernster ist die Frage der Solidarhaftung, die, der genuinen Jahwegemeinde selbstverständlich, mit zunehmender Individualisierung zu schweren psychischen Konflikten führen muß, für die der T'nach auch hinreichende Dokumente enthält. Es wird sehr schön beleuchtet (S. 230 ff.), wie der Gedanke der Solidarhaftung, der den politischen Bedürfnissen entspricht — vielleicht nicht nur, wie Weber meint, der „pragmatischen politischen Prophetie", sondern der Erhaltung eines politischen Gemeinwesens von unten her überhaupt — mit dem der individuellen Verantwortlichkeit, der durch die Einzelseelsorge und den Rationalismus der Gebildeten gefördert wird, im Kampfe liegt und sich in den Schriftdenkmälern beide nebeneinander finden. — Weber nimmt an, daß die Jahwevorsteltong in einer „begeisterten Intellektuellenschicht" entwickelt und durch die Aufnahme In einem freien Landvolk umgestaltet wurde. Jener Ausbildung schreibt er die zahlreichen nationalen Züge im Bilde Jahwes zu: vor allem das „Wunder" gegenüber dem irrationalen „Zauber" der asiatischen Religionen (S. 237); damit zusammenhängend die Entstehung einer letztlich nach rationalen Motiven handelnden, wenn auch dem beschränkten Menschenverstand unverstän ellchen Vorsehung (S. 238). Diese Gottheit wird durch Oktroi ihrer Schöpfer zum Plebejergott; alle spezifisch „Frommen" sind der Tradition immer friedliche Plebejer — ob hier nicht zum Teil spätere Entwicklung antizipiert wird? —und bleibt politisch-militärischer Geschichtsgott. Dadurch ist die Spekulation über den „Sinn" der Welt ebenso wie die Mythologisierung unterbunden und eine ethisch^ rationale Umgestaltung übernommener Mythologeme nötig. Daß aber der jüdische Mythos sich nur darum nicht entwickelte, well die levitische Seelsorge an den plebejischen Schichten „göttlich rational bedingte Wunder, * Macht-, Straf- und Belohnungserweise" bedurfte, „nicht Zauber- und Heldengeschichten", erscheint schwer glaubhaft. Mythologische Volksbedürfnisse hätten wahrscheinlich auch im antiken Judentum gegen Priesterschichten ihre Ausdrucksformen gefunden, so wie sie sie im späteren Judentum gefunden haben.* Aber allerdings wird ihre Nichtbefriedigung durch die kanonischen Schriften dadurch ausreichend gerechtfertigt. — Zum Problem der subjektiven judischen Wirtschaftsethik! oder der jüdischen Wirtschafts-, insonderheit Berufsgesinnung*) bringt Weber Gedanken, die eine Wiederaufnahme der seit der Sombart-Kritik verstummten Auseinandersetzung ermöglichen. Aber — das Wesentlichste davon sprengt den Rahmen einer auf das antike Judentum abgestellten Betrachtung und führt bis ins Mittelalter und die NeuzeiThinauf. Es war ihm scheinbar vor allem darum zu tun, das Verhältnis des jüdischen zum nichtjüdischen Wirtschaftssubjekt zu klären, jene „Außenethik"-Frage, die seit langem das allgemeinste Interesse hervorruft, so daß darüber die berufliche Einstellung des Juden an sich, eine wie mir scheint notwendige Vorfrage, etwas vernachlässigt wurde. Im allgemeinen ist auch hier wieder nur vom parasitären Erwerb die Rede. Ein eigentliches Berufsethos fehlt nach Webers Meinung vor dem Siraciden (in der Literatur!) gänzlich, im Gegensatz zu Aegypten, (S. 270.) Der Mangel bürokratischer Organisation — das „ägyptische Diensthaus" wird abgelehnt — wird als Ursache namhaft gemacht. Die ökonomische Aktivität findet keine Schätzung, denn die Feinde des Frommen sind die städtischen Patrizier. Im späteren Judentum wird für die Gestaltung der Wirtschaftsgesinnung das bereits oben besprochene Wucherverbot als entscheidend betrachtet (S. 358 ff.)- Der Gegensatz zwisohen „innen" Verbotenem und *) vgl. zum Folgenden auch: Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. 2. Lieferung. § 12, Tübingen 1921.