Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Das antike Judentum [Rezension]
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 518 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3101111-3101175-3101184-3107139--5380-3107210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
518 Umschau: Soziologie tungswillen in Zusammenhang zu bringen, endlich zu erledigen. Die Gemeinde ist im Gegensatze zum Urchristentum nicht nur für das prophetische Erlebnis (S. 306), sondern auch für die subjektive Rechtfertigung des prophetischen Wirkens (S. 328) irrelevant. Zu Ende gedacht kann das nur heißen: der Prophet will nicht organisierender Führer sein —- ist es aus sich heraus auch nie gewesen. Die Funktion als „Mund Jahwes"' führt weit Über alle menschenlenkende Wirksamkeit hinaus. Dass der Prophet aber andererseits die Asozialität nicht so weit treibt, wie der Psychopath, etwa der Zwangsneurotiker, und so auf indirektem Wege sozial wirken kann, liegt in der Erfassung des von Jahwe mit der an sich pathologischen Zuständigkeit, in die er ihn stürzt, Gemeinten, des Sinnes, der durch das Medium des Propheten ins Objektive, sozial Faßliche gewendet wird (S. 304*1). Bei der Behandlung der Leviten läßt sich Weber vorwiegend vom ökonomischen Gesichtspunkt leiten: die „Thora"-erteiiung an „Privatkundschaft*4 (S. 190) gegen Lohn, die Entgegennahme der Beichte und Versöhnung des Beichtkindes mit Jahwe wird zur Hauptfunktion des Priesters gemacht. Die Qualifikation für diesen Beruf ist Wissen von Jahwes Geboten. Die Schulung für den Opferkult der Gemeinschaft tritt hinter der seelsorgerischen Tätigkeit für den Einzelnen zurück oder, mit anderen Worten, der Levit läßt sich besser durch eine„Dienerpsychologie", etwa so wie der moderne Arzt oder Rechtsanwalt, denn durch eine „Führerpsychologie" erfassen: er weicht also vom landläufigen Priesterbegriff erheblich ab. Es ist einfache Konsequenz dieser Anschauung, in allen unter levitischem Einfluß stehenden Teilen der Thora in erster Linie einen literarischen Ausdruck jener letztlich ökonomischen Interessiertheit an gewissen Volksschichten, eben der „besten Kundschaft", zu sehen. Aus dieser Praxis werden die Dekaloge abgeleitet; und weiter „daher-die. Vorliebe der Thora für diese gedrückten Schichten und der Zorn gegen die „Hochmütigen", die sich nicht geneigt zeigen, sich vor Gott d. h. vor dem Leviten (!) zu ,demütlgen* (und: ihn für die Versöhnung mit Jahwe zu entgelten)" (S. 255). Auch diese Stelle darf zum Hypermaterlallstischen in Webers Buch gezählt werden, das man schwer nachzudenken vermag; und das nicht etwa aus apologetischem Interesse oder wegen irgendwelcher Tabulerung des antikjüdischen Priestertums, sondern weil hier tatsächlich die rein ökonomische Deutung , die Dinge stärker kompliziert, als irgend eine andere, beispielsweise eine, die den Verfassern jener Stellen ein ungetrübtes plebejisch-soziales Empfinden zutraut, und weil die Vorstellung paradox ist, die Thora enthielte keinerlei mitleidsvollen Tendenzen gegen die „Mühseligen und Beladenen", wenn die jüdischen Patrizier bessere Kunden der Leviten gewesen wären. Es ist unbegreiflich, warum gerade die Dekaloge, deren ungeheure Wirkung zu allen Zeiten und auf alle Völker unter jüdisch - christlich-mohammedanischem Einflüsse unbestreitbar ist, aus solch kleinlichster Perspektive betrachtet werden müssen. — Der Jahwe-Begriff Webers ist— abgesehen von den eingangs erwähnten Konsequenzen der Pariavolksauffassung — durch die starke Betonung des politischen Momets charakterisiert (die Ablehnung der Jenseitigkeit teilt W. mit den meisten anderen). Der Gott der Erlösung und Verheißung versteht darunter Ueberwindung aktuell-politischer Schwierigkeiten: dies der Inhalt der paradigmatischen ersten b'rith, die Aegypten betrifft (S. 136). Darum wird sein Krlegertum streng diesseitig gefaßt: die Zebaoth sind der israelitische Heerbann; die Bedeutung der Naturkatastrophen tritt im Verlauf der Entwicklung dahinter zurück. Die b'rith mit politischem Inhalt bildet das religiöse Urereignis. Aus dieser Stellung Jahwes als Bundeskriegsgott und Garant des Bundesrechts vermeint Weber die Unbeweibtheit Jahwes ableiten zu können (S. 148) — die von anderer Seite, z. B» Meyer, der sich dabei auf Eiephantine beruft*), als ein spätes Produkt erklärt wird — und weiter die Monolatrie, da in der undifferenzierten Kultur der ursprünglichen Jahwegläubigen kein 'Bedarf nach anderen Funktionsgöttern gewesen wäre. Diese Einfachheit und Einheitlichkeit der Jahwe Vorstellung muß zugleich ein Hindernis für die Entstehung von Mythen sein. An dieser Ableitung scheint abgesehen von der Strittigkeit der Unbeweibtheit vor allem die der Einzigkeit durch Rückführung auf Primitivismus bedenklich. Denn wenn gegenwärtig auch mit vollem Recht die Aufstellung schematischer Stufenfolgen religiöser Entwicklung, in denen der Polytheismus „unterhalb" des Monotheismus figuriert, abgelehnt wird, so ist doch andererseits auch die Brauchbarkeit des Müller sehen Henotheismus-Begriffes — Webers Monolatrie stellt im wesentlichen nichts anderes dar — in Frage gestellt; und die Ansicht, daß auch die älteste Jahwekonzeption schon an sich eine „kultivierte" Leistung ist, hat sehr viel für sich. Es ist auch nicht ohne weiters einzusehen, warum eine primitivere monolatrische Auffassung der Südstämme die kultiviertere polytheistische der Nordstämme hätte überwinden sollen, warum sich bei der Verwandlung der Südstämme aus Halbnomaden in Bauern nicht die gleiche Entwicklung wie anderwärts abspielen konnte. Ein glatter Entscheid dieser Probleme ist unmöglich, aber sicher würde es zu ihrer unbefangenen Lösung beitragen, wenn man die schematische Verknüpfung von Gotteskonzeptionen mit vermutlichem Kulturniveau wenigstens im Falle Judentum, der zweifellos der komplizierteste ist, aufgäbe. *) Neuerlich wieder in „Ursprung und Anfänge des Christentums", Bd. II.